5 Gründe, warum die Multiple Sklerose heilsam für mich ist

Gerade nach der letzten Zeit, ist es vielleicht etwas seltsam, dass ich jetzt eine solche Überschrift gewählt habe. Bitte bleibt für den Moment bei mir – ich werde versuchen, es zu erklären.

 

In den fast zwei Jahren, die ich nun wissentlich diese Krankheit habe, konnte ich eine Gefühlsachterbahn wahrnehmen, doch auch nach ein paar schwarzen Löchern, bleiben noch sehr positive Auswirkungen auf mein Leben, die ich nicht mehr missen möchte. Ich führe diese, ohne eine bestimmte Reihenfolge zu haben, nun einfach mal auf.

 

  1. Ruhe

Die Krankheit zwingt mich schon manchmal echt fies in die Knie. Dagegen hilft nur eine einzige Sache und das wäre Ruhe. Nicht raus rollen, nichts Neues Erleben – einfach mal den Kopf abschalten im gewohnten Umfeld und die Seele zur Ruhe kommen lassen. Ich kann fast vollends darin baden, bis die eigene innere Stimme wieder zu hören ist. Diese ruhigen Hinweise, was der Körper und der Geist nun wirklich braucht. Dieses Besinnen auf die wichtigen Dinge, auf die Essenz dessen, was wir zum Leben brauchen. Diese Ruhe hatte ich irgendwie zu selten in meinem Leben. Entweder die Umstände haben sie nicht zugelassen oder ich wollte sie nicht spüren, hatte Angst vor ihr. Nun, gezwungen, dieser Ruhe nachzugeben, kann ich nicht mehr anders. Sie ist mein ständiger Begleiter und es verändert mich zum Guten. Ich bin ausgeglichener, gehe nicht mehr so schnell an die Decke und wenn doch, dann komme ich auch ganz schnell wieder herunter. Es heißt ja auch so schön: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Und wo wir bei Analogien zur Nahrungsaufnahme sind: Das ist endlich mal das richtige Rezept für mich. Ruhe schmeckt mir!

 

  1. Zeit

Es gibt Tage, die sind absolut zeitlos. Ich kenne nicht mehr den Wochentag, verschätze mich durch meinen aktuell gedrehten Schlafrhythmus bei der Uhrzeit und durch die fehlende Arbeit gibt es mehr Zeit, als ich am Tag für die kreativen, schönen Beschäftigungen benötige. OK, liegt auch ein wenig daran, dass ich zu schnell erschöpft bin und nicht mehr all das schaffe, was ich eigentlich gern täte. Aber diese Zeit steht mir voll und ganz zur Verfügung. Ich muss mir keinen Kopf darüber machen, ob ein Auftrag, eine Arbeit, eine Grafik am nächsten Tag fertig gestellt werden muss. Ich grübele nicht mehr an den Abenden darüber nach, wie ich eine Herausforderung am nächsten Tag nur meistern soll. All meine Zeit konzentriert sich bei mir und für mich. Ich kann selber entscheiden, für was ich diese ausgebe und das ist ein ungewohntes aber schönes Gefühl. Es entspannt zu wissen, dass ich nichts fertig stellen muss, wenn ich es irgendwie nicht schaffe. Es gibt keinen Druck mehr. Also ist der erste Satz auch irgendwie falsch. Die Tage sind nicht zeitlos – sie bieten mir im Moment einen Überfluss an Zeit, was ganz viele Sorgen nimmt.

 

  1. Termine

Wenn auch etwas widersprüchlich zu dem vorangegangenen Punkt, aber hin und wieder habe ich dann doch mal einen Termin. Essen gehen, eine Infusion bekommen, sonstige Arztbesuche. Sogar ein klein wenig den Überblick zu behalten, wann man wieder ein Rezept benötigt und zur Apotheke muss – obwohl ich das wohl nie voll und ganz schaffen werde. Jaja, ich höre da schon lachende Stimmen von denen, die mich ein wenig panisch haben Tabletten suchen sehen, wenn das Wochenende beginnt. Glücklicherweise, finde ich immer noch die eine oder andere verstreut in meiner Medikamententasche. Aber zurück zum eigentlichen Punkt. Ich habe Termine. Frühe konnte ich nie mit einem Kalender umgehen und so kam es schonmal dazu, dass ich einen Termin verpasst habe. Vielleicht einer, der nicht ganz so wichtig oder angenehm war oder ein Termin, der inmitten einer stressigen Zeit lag – Termine verschwanden ins Nirwana und ich musste die Konsequenzen tragen. Da mein Gehirn nicht mehr so gut und zuverlässig ist, wie es mal war (und ja, es geht wirklich noch viel schlimmer), habe ich angefangen, Termine in mein iPhone zu schreiben. Es klingelt und erinnert mich und in wenigen, aber glücklichen Fällen, zeigt es mir sogar den einen oder anderen Geburtstag an. \o/ Meine Behinderung führt in diesem Fall dazu, dass sich wirklich etwas gebessert hat. Ich werde vielleicht irgendwann dann doch mal zuverlässig. Vielleicht.

 

  1. Selbstvertrauen

Gerade durch meine Depressionen, war es oft nicht gut um mein Selbstvertrauen bestellt. Zweifel an meinen Fähigkeiten oder bisherigen Leistungen, brachten oft schlaflose Nächte mit sich oder wahre Angstzustände. Gespielte Selbstüberschätzung gegenüber anderen, hat meinen Situation auch nicht wirklich verbessert – warum muss man manchmal eine riesig große Fresse haben??? Jetzt weiß ich ganz gut, was ich kann und wobei ich Hilfe brauche. Ich habe vielleicht etwas besser gelernt, nach Hilfe zu fragen, habe aber auch einen viel größeren Drang, all die Dinge zu machen, die ich noch können sollte. Und darüber hinaus. Ich entdecke immer wieder bestimmte Fähigkeiten, die irgendwie nicht mehr vorhanden sein sollten und die ich dennoch habe. Gepaart mit der Ruhe führt dies zu manch schönem Ergebnis. Aber auch im Alltag hilft es mir. Ich weiß ziemlich genau, über welchen Rinnstein ich alleine hinwegkomme, welche Strecken ich ohne Motor zurücklegen kann und was mein Energiehaushalt zur Verfügung hat. Ich muss mich besser einschätzen, um Unfälle zu vermeiden oder nicht irgendwo ohne Kraft und mit Krämpfen gestrandet zu sein. Ich weiß, was ich mir zutrauen kann, scheue mich aber auch nicht mehr davor, eine klare Absage zu erteilen. Ich lerne jeden Tag mehr, meiner Selbst zu vertrauen. Selbstbild und Realität driften nicht mehr komplett auseinander.

 

  1. Menschen

Jetzt kommt der wichtigste und schönste Punkt. Meine Erkrankung hat mir so viele Menschen nähergebracht. Mein Selbsthilferudel aus diesen wundervollen Menschen, eine tolle Onlinegemeinde, die sich um mich Sorgen, wenn ich mal in einer Funkstille hänge, die nachfragen, wie es mir geht und es wirklich wissen wollen. Der Autist in mir hält gerne Menschen fern, doch jetzt bekomme ich leichter einen Zugang zu ihnen im realen Leben. Wenn ich früher Sorge hatte, zu einer Feierlichkeit zu kommen, wenn alle anderen schon da sind, weil man mich dann beobachtet, wenn ich den Raum betrete, ich zu „sichtbar“ bin, ist mir jetzt zu jeder Zeit bewusst, dass man mich anschaut. Ich falle auf in meinem grünen Rennrollstuhl. Der seltsame, dicke Mops auf zwei Rädern. Und mir macht es nichts aus. Ich kann besser einschätzen, warum die Menschen gucken und baue Mauern ab. Nicht alle – manche wachsen sogar – aber alles passiert bewusst und so, dass ich es genießen kann. Gespräche, Small Talk, aber auch tiefgründige Konversationen. Oftmals scheinen auch die Mauern bei den anderen zu fallen – sie scheinen irgendwie über meine Behinderung einen Zugang zu haben und sprechen viel offener über ihre eigenen Erlebnisse mit Krankheit oder Behinderung, im Freundeskreis oder ganz nah in der Familie. Ich kann hier offen über meine Gefühle schreiben und weiß, dass es ganz viele Menschen gibt, die interessiert, was sich in meinem Kopf abspielt. Das ist schön. Es gibt so viele, so wundervolle, so einzigartige Menschen und ich habe das Glück jetzt viel mehr von diesen in meinem Leben zu begrüßen.

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1 Comment

  1. Marina 16. Juli 2019 at 9:08

    Lieber Chris,
    ich habe Deine letzten zwei Beiträge gelesen, und mich gefreut wieder von Dir zu lesen, wenn es mir jetzt auch zuviel ist, auf alles zu antworten, ich teile wieder mal viele Deiner Gedanken. Auch für mich ist der Kontakt zu Menschen wichtig, auch die neuen Kontakte (durch unsere Krankheit) vorwiegend online, aber der Austausch ist mir auch wichtig. Es gibt aber auch viele Freundschaften, die sich erhalten haben.

    Und noch ein Gedanke, den ich in letzter Zeit öfter für mich als “Erklärung” verwendet habe, wenn ich über das Annehmen und Verstehen des Endgültigen nachdenke: Ich vergleiche es manchmal damit, wenn ein Mensch gestorben ist, man weiß es rein verstandsmäßig und trotzdem denkt man gerade am Anfang immer, derjenige muß doch gleich um die Ecke kommen…
    So das war es fürs Erste (zu anderen Gedanken ein andermal mehr, zB Zeit, Termine) LG von Marina

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