Alles auf Augenhöhe

Schön ist es, wenn man Beziehungen zu Menschen auf Augenhöhe hat. Man ist gleichberechtigt, respektiert sich gegenseitig und niemand fühlt sich dem anderen überlegen. Solche Beziehungen sind wünschenswert, nicht nur in Liebesbeziehungen, sondern auch in Freundschaften und im beruflichen Umfeld. Wenn ich einen Fremden auf der Straße begegne, dann grundsätzlich auf Augenhöhe. Alles andere wäre vermessen, wäre Vorurteil und ist in unserer Gesellschaft nicht fair. Aber, wie ich inzwischen herausgefunden habe, ist das nicht so selbstverständlich, wie ich dachte. Vielleicht kann dies hier als kleiner Denkanstoß dienen.

Ich bin noch nicht lange behindert. Vor zwei Jahren konnte ich noch laufen, erst dann kam die Krücke und schließlich der Rollstuhl. Dadurch ist meine Erkenntnis nichts neues für all die Menschen, die vielleicht schon ihr ganzes Leben behindert sind. Und gleichzeitig bedeutet es auch, dass ich mit einer gewissen Ignoranz durchs Leben gegangen bin. Doch denke ich, dass es vielen von uns so geht. Wir machen uns zumeist erst über Dinge Gedanken, wenn wir selber davon betroffen sind.

Selfie im Aufzug

Ich bin nicht mehr auf Augenhöhe mit den meisten Menschen. Früher bin ich durch die Welt gegangen und hatte einen gewissen Überblick. Ich bin 193cm groß und in der Regel ist das ein gutes Stück über den Dächern der Stadt… naja oder zumindest den Köpfen der Menschen um mich herum. Ich habe ein Problem mit Menschenmengen (also Gruppen ab 3 Leuten), aber die Tatsache, dass ich mich auch im größten Gedränge orientieren kann, hat mir bislang ziemlich geholfen. Jetzt bin ich allerdings ziemlich geschrumpft. Im Rollstuhl verschwinde ich in einer Gruppe aus Grundschülern. Also schon aus diesem Grund ist eine Augenhöhe nicht mehr gegeben.

Viel schlimmer ist aber im Grunde, dass es gar nicht so sehr um die körperliche Augenhöhe geht, sondern um die übertragene. Ich merke, wie immer öfter Menschen nicht direkt mit mir sprechen, sondern mit meiner Begleitung. Ich werde bei Gesprächen zu einer Person, über die man in der dritten Person redet, obwohl ich dabei bin. Ich habe sogar schon mitbekommen, wie Menschen anfangen, langsamer zu sprechen, wenn sie denn direkt mit mir Kontakt aufnehmen. Ich finde es schön, wie hilfsbereit mein Umfeld ist, aber es wäre super, wenn dann auf ein dankendes Ablehnen gehört würde.

Das Schild weiß Bescheid

Ich bin total glücklich, dass ich in meinem direkten Umfeld nicht auf solche Herausforderungen treffe und vielleicht auch einige Vorurteile aufbrechen konnte. Ein Mensch im Rollstuhl ist nicht zwangsläufig geistig behindert oder langsam im Denken. Wir können Entscheidungen treffen und der einzige Unterschied zu allen anderen Menschen ist oft, dass wir nicht mehr richtig laufen können. Das macht uns nicht dumm.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen sich darüber Gedanken machen. Würde mir wünschen, dass Menschen nicht mehr durch Vorurteile getrieben handeln. Ich würde mich wünschen, dass nicht nur die Frau, das Kind, die Eltern, der Freund, die Freundin, der Verlobte, die Affaire oder eine ansonsten nahestehende Person sehen, dass ich noch zurechnungsfähig bin. Ich würde mir wünschen, dass auch der Passant auf der Straße das automatisch annimmt. Ich würde mir wünschen, dass wir alle erstmal jeden so behandeln, als stünde er komplett auf Augenhöhe.

(Visited 96 times, 1 visits today)