Alles entgleist manchmal.

Manchmal kann ich es nicht verhindern. Da gerät mein Leben vollkommen aus der Spur. Wie ein Zug, der stoisch die Schienen entlang donnert, bis ein kleines, unscheinbares Objekt im Weg liegt und er unweigerlich entgleist. Manchmal sehe ich es schon kommen, doch die Notbremsen funktionieren nicht mehr. Die Katastrophe bahnt sich an und ich kann nichts dagegen tun. Dann bin ich wie in einem Film – beobachte mich von außerhalb und kann zumeist kaum hinsehen. Es sind dann die kleinen Dinge, die meine Depressionen wecken, mein Gemüt verhageln. Diese kleinen Dinge, die immer wieder kommen. So wie letzthin. Da wollte ich nochwas aufräumen, habe mich vollkommen überschätzt und wollte meine Grenzen nicht wahr haben. “Ach komm, noch einen Gang schaffe ich!”, habe ich zu mir gesagt. Dann wieder und wieder. Bis irgendwann die Beine nicht mehr wollten. Vollkommen gelähmt und unfähig sich den Befehlen meines Gehirns zu beugen, blieben sie stehen. Und wie wir sicher alle noch aus dem Physikunterricht kennen – Masse ist träge. Also bewegte sich mein Körper weiter nach vorne, ignorierte einfach meine bewegungslosen Beine und ich fiel. Auch wenn meine Hände gleichermaßen gelähmt waren, konnte ich mich gerade noch am Glastisch festhalten, damit mein Kopf nicht dagegen schlägt. Hmm – also lag ich da, schaute in die Gegend und wartete darauf, dass die Bewegung wiederkehrt. Und ich weinte. Alles kam heraus, meine ganzen Gefühle, teilweise unterdrückt, ignoriert und als unsinnig abgetan. Ich frage mich: “Warum ich?”, obwohl ich mir geschworen habe, diese Frage nicht zu stellen. Sie ist unnütz, man kann sie nicht beantworten und dennoch war sie da. Ist das mein Leben? Wenn ich die einfachsten Dinge nicht mehr schaffe? Das “Ja!” als Antwort tat weh.

Ja, manchmal entgleist alles bei dieser Krankheit. Da hilft es nicht, dass meine Antidepressiva aus Versehen im Krankenhaus verdoppelt wurden und ich diese jetzt einfach so weiter nehme. (In Absprache mit meinem Arzt, bevor da gleich rügende Kommentare kommen) Da hilft es nicht, dass ich mir sage: “Ich hab doch nichts!” und probiere mein Leben so normal wie es nur geht zu führen. Manchmal ist halt alles Scheiße und mein Gehirn sagt mir das so laut es kann. Sind das meine Depressionen? Auch wenn es sich so anfühlt, ich glaube, sie sind es nicht. Das ist einfach die Realität, die bis in mein Bewusstsein vordringt. Es ist etwas natürliches, etwas gutes vielleicht sogar? Tränen sind heilsam. Einfach mal alles raus lassen. So, wie ich im Krankenhaus einfach krank sein kann, kann ich so einfach auch mal kurz die Hoffnung verlieren. Und passiert uns das nicht allen? Wenn es im Beruf einfach mal kacke läuft? Wenn man merkt, dass das Auto durch den TÜV muss und einem bewusst wird, dass die dicke schwarze Wolke, die bei jedem Gasgeben aus dem Auspuff kommt und den Fahrzeugen dahinter die Sicht nimmt, vielleicht nicht das beste Zeichen ist? Es reicht manchmal ein kleiner Tropfen und das Fass läuft über – aus den Augen heraus und nimmt mit jedem Schwall die Sorgen mit sich.

Und hier kommt das Schöne! Nach den Tränen sieht man plötzlich wieder klar. Ich bin aufgestanden, habe mich auf mein Sofa gesetzt und schon konnte ich einen großen Teil meiner Sorgen im Taschentuch zurücklassen. Der Moment, in dem das Lächeln zurück kommt, wie die ersten Sonnenstrahlen nach einem Sturm. Es ist befreit, leichter und viel heller, als man sich daran zurückerinnern kann. Ja, ich stürze hin und wieder. Ja, ich kann die einfachen Dinge des Lebens nicht mehr soooo einfach erledigen, wie ich es vorher konnte. Aber wenn ich mir meiner Grenzen bewusst werde, kann ich kreativ werden und neue Wege finden. Und darauf kommt es doch an, oder?!

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2 Comments

  1. Manfred 2. Oktober 2018 at 9:54

    Grenzerfahrungen mach ich auch gerade und ich sehe, dass diese auch für andere wichtig sind . Für mich ein offizielles Ziel in meiner gerade begonnenen Reha. Wie viele Minuten gehen auf dem Stepper, bis ich runterfalle, wie viele km kann ich ohne Pause wandern? Das sind Fragen, ich in den nächsten Wochen beantwortet haben will.

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    1. Chris 2. Oktober 2018 at 10:08

      Ich wünsche dir viel Erfolg in der Reha, und dass du deine Antworten zufriedenstellend beantwortet bekommst. Pass aber bitte auf dich auf. Die Grenzen kurz zu überschreiten ist gut, zu übertreiben eher negativ. Zumindest versuche ich genau das gerade zu lernen. 🙂

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