Da bleibt mir die Luft weg!

Seit ziemlich genau einem Jahr weiß ich, dass ich Multiple Sklerose habe. Ich hätte nicht gedacht, dass bei mir alles so schnell bergab geht, aber ich schaue lieber nach vorne, statt mich umzudrehen und zu erkennen, was ich einmal konnte. Bei einer Sache fällt mir das allerdings schwer. Das Atmen ist nämlich inzwischen schonmal eine Herausforderung.

Ich stecke noch immer in meinem Schub, merke, wie es mir Tag für Tag etwas schlechter geht und schaue heute auf den Kalender und atme durch – es ist nur noch eine Woche, bis ich ins Krankenhaus darf. 7 Tage halte ich noch durch, sage ich mir zumindest immer wieder. Und dann stockt mit der Atem. Mir bleibt die Luft weg. Ich bekomme nämlich inzwischen immer wieder spastische Krämpfe im Oberkörper. Gerade wenn es etwas stressiger wird, aber auch so zwischendurch, kann ich schlecht reden, weil meine Brust und meine Arme ruckartig kontrahieren, sich zusammenziehen und meine Lunge dabei zusammendrückt. Das Reden ist ja nicht so schlimm – manche Menschen denken ohnehin, dass ich das viel zu viel tue. Allerdings gibt es dann die Krämpfe, die nicht mehr aufhören wollen. Die meine Lunge solange zusammenpressen, bis ich nicht mehr einatmen kann.

Kennt Ihr das Gefühl, wenn man keine Luft mehr bekommt? Fast so, als wäre man unter Wasser und irgendwann merkt man, dass man besser auftaucht. Es schmerzt, dieser Drang, die Lungen mit Luft zu füllen. Wieder zu atmen. Und dennoch kann man nicht die ersehnte Luft in sich saugen und dem ganzen schlechten Gefühl ein Ende machen. Irgendwas hält mich unter Wasser, irgendwas lässt es nicht zu, dass ich einatme. Ich habe beim Tauchen gelernt, die Panik zu vermeiden. Ich werde ruhig, fast schon wie in einer Meditation. Ich konzentriere mich auf schöne Dinge, während ich versuche, mit aller Kraft gegen den Krampf anzukommen. Ich sage mir: “Atmen… atmen!”, ohne dass ich die Ruhe verliere. Ich weiß – irgendwann hört dieser Schmerz auf. Irgendwann weicht er einer kompletten Ruhe, die sogar schön ist. Vielleicht, weil Endorphine ausgeschüttet werden? Ich weiß es nicht. Vor ein paar Tagen war es so stark, dass dieses Gefühl kam. Ich entspannte mich dadurch und konnte kurz einatmen. Dann kam der Krampf zurück… dann konnte ich wieder einen Atemzug nehmen.

Natürlich habe ich mir auch vorher schon Sorgen um meine Behinderungen und Beschwerden gemacht. Ich wäre ein ziemlich seltsamer Mensch, wenn ich das nicht täte. Doch ist es diesmal anders. Ich mache mir Sorgen, dass ich irgendwann nicht die Kraft oder die Ruhe habe, einatmen zu können. Dass ich alleine zuhause liege und niemand mitbekommt, dass ich nicht mehr atmen kann. Ich mein Sativex-Spray nicht greifen kann, um gegen die Spastik etwas zu tun. Nicht das Telefon neben mir habe, um den Notarzt zu rufen. Vor ein paar Wochen habe ich mich schon über einen persönlichen Hausnotruf-Knopf informiert und das System ist so wichtig. Ich muss mir unbedingt eins zulegen und mir angewöhnen, den Knopf stets an mir zu tragen. Das kann Leben retten – vielleicht auch meins.

Und kaum schreibe ich das, habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich möchte doch Mut machen mit diesem Blog und immer wieder rutscht mir etwas hier heraus, das nicht positiv ist. Etwas, bei dem ich es nicht schaffe, das Thema so aufzufangen, dass ich etwas gutes schlussfolgere. Ich kann heute nur versprechen, dass ich nicht aufgebe, nicht meine gute Laune verliere, die ich nämlich trotz dieser Herausforderungen habe. Ich kann nur versprechen, dass ich den Kopf nicht sinken lasse und kämpfe. Gegen jeden Krampf, gegen jedes Symptom, jede Behinderung. Und dennoch: So ein kleiner Urlaub von all dem wäre mal toll. Vielleicht sollte ich mal wieder tauchen gehen… hmm…

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3 Comments

  1. Sabine Bitzer 11. September 2018 at 12:38

    Hallo Chris,

    bist du trotz Schub zur Zeit zuhause? Warum dauert das mit dem Krankenhaus solange? Ich habe ja schon lange MS und weiß, dass ich bei solchen Symptomen, die ja leider nicht so ungefährlich sind, sofort in einer MS Schwerpunkt Klinik wäre! Was sagt dein Neurologe? Lass dich nicht so hinhalten oder vertrösten! Ich will dir ja wirklich keine Angst machen, aber denke an dich und dein Leben!!!
    Liebe Grüße
    Sabine

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  2. Tom Scholz 11. September 2018 at 13:02

    Sag mal Chris, geht es noch?
    Normaler Weise setze ich in Deinem Alter voraus das du solch lebensbedrohliche Lage richtig einschätzen kannst.
    Du hast einen akuten Schub und läßt dich nicht behandeln?
    Da muß ich meiner Vorposterin absolut recht geben.
    Du gehörst sofort in ein KH, am besten in eine MS Schwerpunktklinik.
    Ich finde es unverantwortlich von Dir so mit Deinem Leben zu spielen, also rufe die Rettung anstatt hier herum zu posten.
    Den das kannst Du immer noch machen wenn es Dir wieder etwas besser geht.
    Mfg
    Tom

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  3. Marina 11. September 2018 at 13:10

    Hallo Chris,
    ich sehe das auch wie Sabine, ich habe ja auch noch keine Erfahrung mit mir selbst, aber ich würde wohl auch denken, nicht zu lange warten, (neigst Du dazu?, bei dem vermeintlichen Schlaganfall hast Du wider besseres Wissen auch viel zu lange gewartet), ich würde das unter Akutfall einorden und in (d)eine Ms Ambulanz/ Klinik fahren, die Leute können dann sagen, ob Du noch 7 Tage warten kannst oder sie Dich gleich einweisen, sei nicht zu bescheiden, (ich verstehe das, neige auch dazu, habe gearbeitet, bis ich auf der Arbeit gestürzt bin, aber erst dann haben meine Kollegen erkannt, wie es wirklich um mich steht, vorher hieß es, ich soll nicht so wehleidig sein, insofern war es auch gut, dass sie es erlebt haben)

    Und Du mußt nicht immer positiv rüber kommen, wir sind doch auch dazu da, einander mitzutragen, irgendwo muss man auch einfach alles rauslassen, und wo, wenn nicht hier, und wir freuen uns dann umsomehr, wenn es wieder aufwärts geht.
    Alles Gute für Dich,
    liebe Grüße von Marina

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