Das ist ein Feuer in mir!

Schmerzen – ja die kannte ich schon mein Leben lang. Irgendwann habe ich mir eine gewisse Resistenz aufgebaut. Als Kind bin ich oft gestürzt, lag oft im Krankenhaus und mein Dad berichtet immernoch, dass sie im Krankenhaus schon fast meinen Namen in der Notaufnahme kannten. Ich bin da nicht so empfindlich (wenn man jetzt die grausamen Gefühle einer echten Männergrippe außer Acht lässt, die keine Frau nachempfinden kann) und habe mir über die Jahre hinweg eine gewisse Toleranzschwelle aufgebaut. Und dennoch, auch wenn mir Schmerzen wohl bekannt sind, konnte ich es mir nie vorstellen, chronische Schmerzen zu haben. Die gehen doch alle immer irgendwann weg. Oder?!

Inzwischen weiß ich, dass es Schmerzen gibt, die nicht mehr weg gehen. Schmerzen, die vielleicht mal etwas besser werden und zu anderen Zeiten unerträglich sind – aber niemals verschwinden. Bei mir hat sich das ganze in den Wochen nach der ersten Kortisonstoßtherapie aufgeschaukelt. Die Schmerzen in meiner Hand kamen. Links. Als wäre da ein Feuerzeug unter meiner Hand, das gerade so weit weg ist, mich nicht schreien zu lassen, aber so nah an meiner Haut steht, dass ich am liebsten sofort die Hand wegziehen würde. Doch ich kann sie nicht weg ziehen. Die Flamme kommt mit. Das Feuer ist in mir. Die Schmerzmittel konnten es erträglich machen, den Schmerz aber nie wegnehmen. Er war immer da – am Tag, in der Nacht, wenn ich etwas tat oder ruhig lag. Nach dem nächsten Schub wurde es dann unerträglich und die Schmerzmittel wurden mehr. Wieder konnte der Schmerz soweit gesenkt werden, dass ich nicht heulend in der Ecke saß und mich zusammenkauern musste. Weg ging er dennoch nicht. Der nächste Schub brach dann alle Rekorde. Ich heulte. Abends alleine im Bett, beim Arzt, tagsüber bei der Arbeit. Es war nicht auszuhalten. Jetzt bekam ich eine Handvoll Tabletten. Schmerzmittel, die im Krankenhaus nach Operationen gegeben werden, zusätzlich zu den Mitteln, die das zentrale Nervensystem sedieren sollten. Diese Tabletten schafften es nicht mehr, die Schmerzen erträglich zu machen. Erst Sativex, ein Mundspray aus Cannabisöl führte mich zurück in ein erträgliches Maß. Und heute? Die Schmerzen sind wieder so stark, dass ich erneut eine Handvoll Schmerzmittel zu dem Sativex brauche. Nein, es gibt Schmerzen, die nicht mehr weg gehen.

Aber der Grund, dies alles hier zu schreiben ist nicht, Angst davor zu machen sondern Hoffnung. Ich habe etwas wichtiges gelernt. Das Gehirn ist eine wundervolle Maschine. Die Schmerzen sind da, aber mein Gehirn schafft es, sie nicht als etwas außergewöhnliches wahrzunehmen. Sie gehören inzwischen zu mir. Ich fühle sie, aber sie stören mich zumeist nicht. Ich bedauere mich nicht jeden Tag deswegen – ich lebe damit und ich lebe zumeist glücklich. Ich genieße die Momente, in denen eine Schmerztablette den Schmerz soweit betäubt, dass ich für ein paar Momente nicht mehr daran denken muss. Und wenn sie stärker werden, dann versinke ich nicht in Selbstmitleid. Es ist mein Normalzustand geworden und gerade im Moment kann ich sagen, dass ich damit leben kann. Natürlich habe ich Angst davor, dass sie irgendwann so schwer werden, dass ich nicht mehr mit ihnen leben möchte – doch das hätte ich auch über meinen jetzigen Ist-Zustand vor einem Jahr gesagt. Das Gehirn ist eine wundervolle Maschine, die es uns ermöglicht, auch in ganz schlimmen Situationen nicht aufgeben zu müssen.

Die Schmerzen erzeugen in mir den Willen, zu kämpfen. Die Krankheit nicht einfach anzunehmen, sondern sie so zu bekämpfen, dass ich mir ihr leben kann und vielleicht sogar meinen Zustand wieder ein Stück verbessere. Die Medizin steht nicht still und ich probiere gerne alles aus. Ich sehe, wozu ich im Stande bin und werde daran ständig erinnert. Die Schmerzen sind irgendwie meine ganz eigene Form der Therapie – meine “Gib nicht auf!” Therapie.

Vielleicht ist es bei euch kein Schmerz. Vielleicht ist es das ständige Zittern, die schlechten Augen, vielleicht eine Inkontinenz oder eine Lähmung. Vielleicht sind es auch viele dieser Symptome auf einmal – Behinderungen, die euch nerven, die ihr gerne nicht hättet. Aber vielleicht erlebt ihr das auch so wie ich: Dass all diese Dinge einen nicht zerstören sondern eher stärker machen. Dass sie die Kräfte in einem anspornen, die Krankheit zu bekämpfen und den Alltag dennoch zu genießen. Ich zumindest sehe gerade auf einen wundervollen Baum, der in der Sonne leuchtet und dahinter den blauen Himmel und genau dieser Blick lässt mich lächeln. Auch wenn inzwischen meine beiden Hände schmerzen und ich kaum diesen Text geschrieben bekomme. Es gibt wichtigeres im Leben als das – es gibt das Leben selbt. Ich lebe und das macht mich gerade unheimlich glücklich! DIESES Feuer brennt nämlich auch in mir und tut so gar nicht weh.

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1 Comment

  1. HHer-Deern 2. September 2018 at 14:04

    Moin Chris,
    ich verfolge Deinen Blog aufmerksam und in vielen Sätzen kann ich mich wiederfinden.
    So auch jetzt in Deinem neuesten, denn das Feuer ist auch in mir. Es wütet so stark das ich es nicht schaffe den Kopf so zu steuern, das ich es ausblenden bzw abmildern könnte. Die Intensität bringt mich fast um den Verstand und ich bete jeden Abend es möge am Morgen einfach mal weg sein.
    Die Vorstellung es bleibt für immer an mir haften treibt mir die Tränen in die Augen.
    Jetzt im Moment sage ich: Ich kann diesen Zustand nicht akzeptieren! Und allein das ich diese Worte hier niederschreibe, lässt das Feuer in meinem Bein hochziehend zur Flanke noch weiter intensivieren.
    Ich versuche es einfach auszuhalten, aber ich weiß nicht wie lange ich das noch kann.
    Den Schritt zur Medikation zu greifen ist noch nicht da, da ich so wenig wie möglich einnehmen möchte. All die Nebenwirkungen von all den Mitteln dieses Jahres reichen mir noch immer.
    Ich teste gerade auf ätherischer Öl Basis einiges aus und probiere ebenfalls Magnesium Öl.
    Ob es helfen wird? Ich weiß es nicht.
    Meißt wenn ich mich an ein störendes Symptom gewöhnt habe und es mir gut geht, ich lachend dem Tag begegne … dann kommt plötzlich jemand ums Eck und wirft mich mit neuem Symptom wieder um.
    Mich macht es so wütend!
    Als würde der olle Sack in mir, mir meine Ruhe und mein Glück nicht gönnen.
    Einen schönen Sonntag für Dich,
    die Deern aus Hamburg

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