Das Problem mit „Muss jeder selber wissen“

Ich möchte euch einfach mal eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über einen Satz, der bei manchen Menschen (mir) gerade zur Verzweiflung führt. Der Satz ist: „Tja, muss ja jeder für sich selber wissen“, und wird viel zu oft genutzt, ohne dass sich die Menschen darüber bewusst sind, wie falsch und ekelig dieser Satz wirklich ist.

Es ist Mai 2020 und die Welt ist fest im Griff einer Pandemie. Überall sterben Menschen und es ist eine Katastrophe, wie sie bislang von uns allen noch nicht erlebt wurde. Naja – außer Deutschland. Hier gibt es kein Corona mehr. Zumindest kann man diesen Eindruck schnell bekommen, wenn man mit Menschen spricht, die prompt mit der Öffnung von Friseuren einen Termin dort wahrnehmen mussten, die tief durchatmen, weil sie ihre Brut endlich wieder in den Schulen loswerden können und sich bereits Gedanken machen, wo sie diesen Sommer in Urlaub reisen wollen. Menschen, die in der Welt da draußen agieren, als gäbe es keinen tödlichen Virus, der uns bedroht. Menschen, die eine Mundschutzpflicht für eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit sehen und nur darauf warten (und sogar dafür protestieren), dass Deutschland sämtliche Beschränkungen aufhebt. Spricht man mit Leuten, bekommt man dann schnell den Satz um die Ohren geworfen. Muss ja jeder für sich selber wissen. Dabei macht sich scheinbar niemand darüber Gedanken, dass es Menschen gibt, die es eben nicht selber entscheiden können. Menschen, die zuhause sitzen, weil da draußen eine nicht zu berechnende Gefahr herrscht. Eine Gefahr für das eigene Leben. Das sind zum Beispiel Menschen, die durch Medikamente kein funktionierendes Immunsystem haben. Zwar würden diese bestimmt gerne mal raus gehen, doch der Drang zu persönlichen Entfaltung von „Freiheit“ und den damit verbundenen, lapidaren und halbherzigen Umgang mit den einfachsten Regeln zu Verhinderung einer Ansteckung seiner Mitmenschen, macht eine solche Tour leider unmöglich. Und da es im Moment ja jeder selber für sich weiß und entscheidet, steigt das Risiko in Deutschland wieder. Schön waren die Tage der strickten Kontaktsperre, als noch alles geschlossen war. Der Virus hatte kaum eine Möglichkeit, sich frei zu verbreiten und wir haben ihn recht gut kontrolliert. Nun laufen Menschen da draußen herum und stecken Mitmenschen an, die wiederum all ihre persönliche Freiheit zelebrieren und fröhlich einen kleinen Gast in die unterschiedlichsten Lebensbereiche schleppen.

Natürlich mag das niemand hören. Meine Stimme wird gerade lästig und wird von Menschen, sogar in meinem direkten und unmittelbaren Umfeld, für lächerlich empfunden. Noch schlimmer ist, wenn diese Menschen dann nicht einmal für mich im Umgang mit mir Rücksicht nehmen. Nicht nur, dass ich ein nicht zu berechenbares Risiko bei diesem Virus habe, einen ziemlich ungünstigen Verlauf zu durchleben, sollte ich mich anstecken – nein, ich habe eine tiefgründige und atemraubende Panik. Ist diese rational? Ich glaube nicht. Ich gehe fest davon aus, dass sie übertrieben ist und ich mehr Angst habe, als man eigentlich haben „sollte“. Und doch ist sie da. Doch schränkt sie mich ein. Doch lässt sie mich erstarren, so dass ich zuhause sitze, nicht rauskomme und ansonsten auch in einem ziemlich desolaten, psychischen Zustand bin. Mir würde helfen, wenn man diese Angst ernst nehmen würde. Man muss sie nicht teilen (bitte tut das nicht… bitte lebt ohne Angst und Panikattacken!!!), aber vielleicht wäre es mal schön, wenn mein Umfeld diese Panik zumindest ernst nehmen würde – akzeptieren, dass ich sie habe und mich nicht aktiv Gefahren aussetzen.

Letzte Woche musste ich zur Infusion. Wie alle 4 Wochen. Ein Besuch im Krankenhaus auf der Chemotherapie-Station. Ich wollte nicht hingehen, hatte Angst davor, das Haus zu verlassen, doch durch gutes Zureden und der Vorstellung, dass im Krankenhaus wahrscheinlich der sicherste Ort sein müsste, bin ich gegangen. Das war ein Fehler. Im Krankenhaus gab es, selbst bei Mitarbeitern dieser Einrichtung, einen eher leichtfertigen Umgang mit Abständen, Mundschutz und Personenzahlen auf engstem Raum. Wo ansonsten 3 Patienten ihre Infusion bekommen, saßen zum Beispiel dieses Mal 4 Menschen in einem Zimmer (eine Frau hustete die ganze Zeit). Trotzdem zogen alle ihre Masken aus und tranken fröhlich einen Kaffee. Mein Besuch in der Außenwelt war also eher negativ, hat meine Befürchtungen bestärkt und bringt mich zu der Entscheidung, nun nicht mehr zur Infusion zu gehen. Diese Entscheidung kann dazu führen, dass ich einen Schub bekommen werde, doch ist mir diese Aussicht noch lieber, als nochmals da draußen auf die egoistische Ignoranz meiner Mitmenschen zu treffen. Zeitgleich sind 23 Menschen in einem Pflegeheim meiner Heimatstadt infiziert worden – wieder so ein Ort, der eigentlich besonders auf Hygiene und Ansteckungsprävention achten müsste, doch scheinbar führt ein „Muss ja jeder für sich wissen“ auch dort zu einer Verbreitung des Virus bei den Menschen, die es eben nicht für sich selber entscheiden.

Was mich im Nachgang besonders belastet ist, dass der Mensch, der mich zu dieser Infusion gebracht hat, vorher verschwiegen hat, dass er in einem Haushalt lebt, der steten Kontakt zu Kunden hat, zu denen kein Mindestabstand eingehalten werden kann. Ich hatte nicht die Wahl, ob ich in ein Auto steigen möchte, in dem jemand ist, der das größte Risiko zur Virusübertragung hat. Es wurde einfach nicht erwähnt. Vielleicht, weil meine Angst in seinen Augen lächerlich ist, was er mir auch bei der Fahrt subtil vermittelt hat. Vielleicht, weil er nicht drüber nachgedacht hat, was im Angesicht der Situation mehr als fahrlässig wäre.

Wichtige Anmerkung: Inzwischen wurde klargestellt, dass dieser Kundenkontakt NICHT stattgefunden hat und er mich in diesem Fall auch nicht gefahren hätte. Zumindest wurde mir das in dem Zusammenhang gesagt und gleichzeitig bekräftigt, dass ich nicht der Nabel der Welt bin und nicht erwarten solle, dass man sich immer um meine „Meinung“ schert. 🤷‍♂️

In jedem Fall war, als ich dies herausgefunden habe, klar, dass ich bis zum Ende der Pandemie, bzw. bis ein Impfstoff verfügbar ist, die Wohnung nicht mehr verlassen werde. Ich kann den Menschen nicht vertrauen und ohne Vertrauen kann und will ich mein Leben nicht riskieren. Ja – es muss jeder selber wissen, doch es gibt Menschen, denen damit die Entscheidung abgenommen wird. Wenn ihr also das nächste Mal diesen Satz sagen wollt, denkt doch vielleicht einmal darüber nach! Habt bitte im Hinterkopf, dass es Menschen gibt, die das eben nicht können. Menschen, bei denen zu einer Angst um das eigene Leben auch noch ein Hausarrest dazu kommt. Mir ist klar, dass dies lästig ist, weil ich euch vielleicht die uneingeschränkte Freude am Besuch eines Haarschneideinstituts vermiese, ein schlechtes Gewissen einrede, weil ihr eure Kinder nicht mehr ertragen konntet und sie unbedingt schnell zurück in die Schule schicken wolltet, weil meine Stimme vielleicht in euren Ohren klingelt, das nächste Mal, dass ihr euch über eure Stoffmaske vor dem Gesicht ärgert. Mir ist klar, dass meine Stimme nichts ändert, dass ich eine lästige Minderheit darstelle, aber vielleicht schaffe ich es zumindest, dass ich diesen unglaublich beleidigenden Satz nicht mehr hören muss.

Danke fürs zuhören… zulesen… egal. Danke, dass ihr mein Genöle gelesen habt und danke, dass ihr vielleicht einmal über diesen Satz nachdenkt. Ich werde jetzt erstmal alles tun, um meine Stimmung aufzuhellen und meine Starre, meine mentale Bewegungslosigkeit zu durchbrechen. Mehr malen zum Beispiel. Und ich verspreche euch, dass mein nächster Artikel wieder positiver ist.

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