Das Schweigen der Lämmer

Ich habe seit einer traumatischen Erfahrung in meiner Kindheit Angst vor Schafen. Dies offenbare ich euch allerdings gerade auch nur, damit mein Titel für diesen Artikel Sinn ergibt. Denn auch wenn ich Angst vor Schafen habe, schweigen diese Lämmer, Hammel und Pulloverschweine gerade in meinem Kopf und sind einer neuen Angst – oder nenne ich es lieber Psychose – gewichen. Ich habe ein echtes Problem mit meinen Mitmenschen. Nicht der Virus, der die Welt gerade in Atem hält, oder besser noch… ihr den Atem raubt, sondern die Menschen da draußen vor meiner Türe machen mir Angst. Eine irrationale, übertriebene Angst. Das weiß ich und dennoch kann ich mich dieser nicht erwehren. Daher habe ich in den letzten 10 Wochen oder so nur einmal zur Infusion meinen Fuß vor die Türe gesetzt und genieße seitdem die Ruhe in meinen eigenen vier Wänden. Doch hier entsteht gerade das eigentliche Problem, weswegen ich diesen Artikel schreibe. Denn nicht nur die Lämmer schweigen, sondern auch ich vergrabe mich ganz tief in einer Welt aus Schweigen. Kein Twitter, kein Whatsapp, kein Facebook. Alles wird um mich herum still, bzw. werde ich dort still. Der Grund ist, dass dieser Idealzustand für einen Autisten, diesem Autisten gerade zu schaffen macht. Ich bekomme Lagerkoller.

Ich hatte mir soviel vorgenommen. Nach der #1Kaffee1Stadt Tour nach Berlin im letzten Sommer, wollte ich diese Touren nun irgendwann doch mal fortsetzen. Immer vorausgesetzt, dass ich es gesundheitlich schaffe, aber ich wollte es probieren. Für mich. Als kleine Therapie für meine Seele, aber auch meinen Körper. Vielleicht nochmals nach Berlin, vielleicht eine kleine Tour in den Süden. Twittertreffen besuchen, mich sozial mal etwas öffnen. Und nun? Corona macht mir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung und ich fühle mich behinderter, bewegungsloser und nutzloser, als jemals zuvor. Ein gefundenes Fressen für meine Depression. Ich streite ab, dass ich in eine Depression schlittere, vielleicht weil ich so froh bin, wie gut mein neues Antidepressivum wirkt. Vielleicht will ich es mir nicht eingestehen, aber um ehrlich zu sein: Ich bin vollends in eine Depression gestürzt. Mein BulletJournal hat es mir verraten… das Nachhalten meiner Stimmung zeigt nun ein ziemlich deutliches Bild.

Das große Problem bei dieser Depression ist, dass ich abrupt still werde. Ich möchte niemandem zur Last fallen, keinen mit in diese Stimmung ziehen. Will nichts falsch machen, weiß aber auch nicht, wie ich es richtig machen kann. Es tut Menschen weh – ich tue Menschen weh. Ich schaue nicht in meine Nachrichten, damit ich nicht in die Verlegenheit kommen muss, antworten zu müssen. Ich bleibe stumm.

Aber ich schreibe doch gerade an meinem Blog, also kann es ja nicht so ernst sein mit der Stille! Ja, dieser Einwand meines Gehirns ist gar nicht so falsch. Es ist wahrscheinlich ein Versuch, diese Stille zu brechen. Vielleicht ist es auch eine Erklärung für alle die Menschen, die sich gerade Sorgen machen und nicht wissen was los ist. Also an all diese Menschen: Es tut mir leid. Ich melde mich. Hoffentlich bald.

Und am Ende dieses Artikels schließt sich der Kreis. Während meine Ängste vor Schafen schweigen, brüllen meine anderen Psychosen so lautstark, dass auch ich nichts mehr sagen kann. Und dem kann ich jetzt auch nichts mehr hinzufügen.

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5 Comments

  1. Manuela 13. Mai 2020 at 18:19

    Ach Chris, mein Lieber, ich kann Dich sooo gut verstehen. Ich habe selbst gerade eine ziemliche schwere Despression und Burnout und auf meiner to-do-list stehen nur noch : Aufstehen, Essen, Duschen.
    Mehr schaffe ich nicht – wenn überhaupt alle drei Dinge.

    Nimm Dir die Zeit, die Dein Geist und Deine Seele brauchen und ich wünsche mir und Dir sehr, dass wir aus diesem Loch bald wieder herausfinden und es uns besser geht.

    Fühl’ Dich gedrückt und melde Dich, falls ich helfen kann..

    Herzlichst
    Manu

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  2. Papa 13. Mai 2020 at 21:13

    Dann werde ich dein Schweigen abwarten – in der Hoffnung bald wieder etwas von dir zu hören. Und wenn es nur ist, dass ich die Stille bei dir mit Lauten füllen soll. Sei stark! Ich weiß, du kannst es!
    Dein Papa

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    1. stine hansen 19. Mai 2020 at 11:22

      So einen liebevollen Papa hätte ich auch gerne gehabt! Wunderbar!

      Reply
      1. Chris 20. Mai 2020 at 14:16

        Ja, mein Papa ist ganz ganz toll!!! 😍

        Reply
  3. stine hansen 19. Mai 2020 at 11:21

    Lieber Chris,

    es geht mir ähnlich- ich vergrabe mich, aber im positiven Sinn. Mir tut diese Entschleunigung jedoch sehr gut, da ich mich um Opferentschädigung etc. kümmern kann. Dazu kommt noch 14tägig der Besuch bei meiner EMDR-Therapeutin, was extrem ins Eingemachte geht.
    Aber ich denke oft an dich und habe das Gefühl, unsere Seelen sind trotz Funkstille miteinander verbunden. Soll heißen, dass du kein schlechtes Gewissen haben musst.
    Wir #ausderklapse verstehen solche Zustände perfekt, die Normalos draußen tun sich damit eher schwer!
    Mach, was dir gut tut, sei nicht so streng mit dir!
    Ich umärmel dich ganz herzlich, ich denke an dich-öfter als du glaubst!
    Stine

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