Das Selbsthilfe-Rudel

So begab es sich, dass ich nach meiner Diagnose allerhand Informationen gesucht habe. Was ist die MS? Was kann ich dagegen tun? Was passiert, wenn bei mir erstmal im Kopf ankommt, was ich da so habe? Ich bin einen Schritt gegangen, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn gehen würde. Ich habe eine Selbsthilfegruppe in meiner Nähe gesucht und gefunden. Das ist schon seltsam. Wenn man sowas wie Selbsthilfegruppen nur vom TV kennt, dann hat man ganz üble Vorstellungen von solchen Dingen. Ich zum Beispiel dachte, dass es wie bei den Anonymen Alkoholikern sein würde. Man steht in einem Stuhlkreis auf, sagt seinen Namen und seit wann man krank ist. Danach hören alle deine Geschichte an und schließlich wird kollektiv geweint. Es könnte nicht weiter weg von der Realität sein.

Die Gruppe, die ich fand, gleicht eher einem Stammtisch mit Freunden. Wir kommen zusammen in einem wundervollen Restaurant mit phantastischem Essen und quatschen. Nicht (nur) über die Krankheit. Man tauscht sich aus, berichtet vielleicht auch von den Dingen, die als Herausforderung in dem letzten Monat passiert sind oder von lustigen Dingen. Manchmal von ganz privaten Geschehnissen, doch zumeist, ohne dass es um herzzerreißende Probleme geht. Du brauchst einen Tipp, zu welchem Händler man wegen des Rollstuhls geht und bekommt den besten Ratschlag, den man sich vorstellen kann. Dann war ich einmal mitten in einem Schub und war mir aber nicht sicher, ob es einer ist oder nicht. Die Gruppe gab mir einen Arschtritt und am nächsten Tag war ich beim Neurologen, um mir meine Dosis Kortison zu holen. Man passt auf sich auf und ich hatte ab dem ersten Treffen das Gefühl, dass es dort Menschen gibt, die sich um einen Sorgen, die sich mit einem freuen und immer ein offenes Ohr haben.

Vielleicht ist es diesmal nicht ein lustiger Artikel geworden und das sollte es eigentlich auch nicht werden. Ich wollte nur sagen: Wenn Ihr Zweifel habt, ob eine solche Gruppe für euch das Richtige ist, Ihr aber dennoch irgendwie mit dem Gedanken spielt – dann geht doch einfach mal hin. Sicher ist das nicht für jeden das Wahre, doch ich möchte unseren lustigen Stammtisch um nichts in der Welt mehr missen. Wir sind da irgendwie schon ein ganz besonderes Rudel und ich freue mich schon jetzt auf das nächste Mal, wenn wir alle in dieses Restaurant fahren, humpeln, laufen, schleichen oder welche Fortbewegung für uns gerade in dem Moment die passende ist. (Und diese Fortbewegungsarten beziehen sich eigentlich gerade auf mich selbst, denn ich kann gerade nicht sagen, wie ich in den nächsten Tagen vom Fleck kommen werde.)

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