Dem begegne ich gerne!

Seitdem ich im Rollstuhl sitze, sehe ich die Welt aus einer anderen Perspektive, werde aber auch von den Menschen anders wahrgenommen. Unweigerlich führt das zu einer Menge Begegnungen, sobald ich das Haus verlasse. Man hört ja im Vorfeld viel. Das Gejammer darüber, dass so wenig auf Barrierefreiheit geachtet wird und die Menschen nicht wirklich hilfsbereit sind und mit Vorurteilen auf Behinderte treffen. Diesem Märchen möchte ich einfach mal ein Ende bereiten.

Ich werde gesehen. Wenn ich irgendwo hinkomme, dann falle ich auf. Wenn dann eine Tür im Wege ist, wird sie mir aufgehalten oder man fragt mich, ob ich Unterstützung benötige. Nicht nur hier, im dörflichen Vorort von Düsseldorf, sondern auch im großen Berlin. Die Menschen gehen mir selbstverständlich aus dem Weg, wenn ich ihnen entgegen komme, außer ich bin auf einem vollen Bahnhof und werde aufgrund meiner neuen Körpergröße leider nicht bemerkt. Das ist übrigens eine Umstellung. Von 193cm ging es rapide runter auf die Höhe eines Kindes. Aber – wenn ich dann mal entdeckt werde an besagtem Bahnhof – die Menschen sind freundlich und machen Platz, entschuldigen sich bei mir und lächeln. Etwas, das ich bislang nicht so erlebt habe, wenn die Menschen einen umrempeln und hinterher noch blöde Sprüche von sich geben.

Es ist übrigens auch nicht so, dass jeder mit Mitleid reagiert und dadurch sich gezwungen fühlt, zu helfen. Ich bin ein lustiger Mensch und möchte mein Lachen auch nie verlieren und das steckt an. Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, dass jeder Behinderte ein Recht darauf hat, dass Scherze über ihn gemacht werden. Da stimme ich voll und ganz zu. Ich möchte nicht anders behandelt werden, als zu der Zeit, in der ich noch nicht im Rollstuhl saß. Ich möchte diese Mitleids-Schranke nicht haben, bei der niemand weiß, wie er reagieren soll. Als ich nun schon mehrfach einen Bordstein falsch kalkuliert habe und beim abrupten Stopp durch die Vorderräder fast aus dem Stuhl geflogen wär, durfte ich erleben, dass es Menschen gibt, die lachen. Herzhaft, weil das Bild zum Schießen war. Die nicht mit einem halben Herzinfarkt sofort zu mir stürmten, sondern sahen, dass alles OK ist und man lachen kann. Nicht zuletzt, weil ich selber gelacht habe. Ich mag solche Momente. Achso: Der Rollstuhl hat auch einen unglaublichen Flirtfaktor. Schon öfter ist mir aufgefallen, dass durch diese “Sichtbarkeit”, die ich nun habe, Frauen mich anblicken. Wenn ich dann lächele, dann bekomme ich das oft zurück. Manchmal einen schüchternen Blick zur Seite, der von einem erneuten Angucken gefolgt wird. Alles Wortlos – dieser eine Moment, der den Tag irgendwie verschönert. Das ist wundervoll – auch für das eigene Ego. Wenn ihr also im Rollstuhl sitzt: Probiert das mal aus!

Ganz besondere Momente sind allerdings die, in denen man auf jemanden trifft, der Zeit hat. So stand ich in einer Autowerkstatt und bekam von einem Wirtschaftspsychologen ganz wundervolle Hinweise, wie ich meine Gedanken positiv halten kann. Der Schaffner im Zug in Berlin, der mit seiner wundervollen Berliner Art zuersteinmal geduzt hat und dann mit Spaß und Freude die Rampe auspackte, von seinem Leben und beruflichen Werdegang erzählte und dafür sorgte, dass ich bequem und sicher aus dem Zug kam. Der Mitarbeiter am Flughafen, der mich mit einer Schwerlast-Hebebühne aus der Maschine hiefte und dann bis zum Gepäck gebracht hat – bemerkt hat, dass ich Scherze über mich selber mache und dann total erleichtert und fröhlich war. Mich begeistert das jedes Mal aufs neue. Jede Begegnung bereichert mich und ich bin froh, dass die Deutschen nicht so griesgrämig sind, wie alle denken. Ich bin sehr dankbar dafür, denn dadurch wird ein nicht so schöner Aspekt meiner Erkrankung zu etwas überraschend Positiven.

(Visited 168 times, 1 visits today)

4 Comments

  1. Manfred 23. August 2018 at 11:40

    Du hast einfach eine derart positive Aura um Dich, das verstrahlt die ganze Umgebung ;))

    Reply
    1. Chris 23. August 2018 at 11:41

      Danke dir Manfred. Ich tue mein bestes, denn verstrahlte Menschen wie ich es bin, sind mir doch immer die liebsten! 😀

      Reply
  2. Ramona 23. August 2018 at 14:47

    Toll geschrieben!!! 👍🏻
    Die Mitleidsschiene ist das Schlimmste! Und wenn ich dann Witze über meine Behinderung mache, gucken alle irritiert! Aber nur so behalten wir unseren Humor, oder? Traurig sein bringt doch nix! Es ist wie es ist – und mit Humor ist alles besser!!!
    Weiter so Chris!
    Das macht mit Mut!!!

    Reply
    1. Chris 23. August 2018 at 15:26

      Danke dir vielmals Ramona. Es tut gut zu wissen, dass ich nicht der einzige bin, der in einer doofen Situation seinen Humor behält. Auch in meiner Selbsthilfegruppe erlebe ich das immer wieder und ja, genau das macht Mut. 🙂

      Reply

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.