Depressionen nach Einstein

Depressionen sind ein schwieriges Thema und leider oft missverstanden. Ich kämpfe damit seit meiner Kindheit und nun bekomme ich eine Multiple Sklerose und eine Begleiterscheinung ist, dass man Depressionen bekommt. Karma ist manchmal echt scheiße. Aber gut, wenn man erstmal über dieses Selbstmitleid hinaus gekommen ist, merkt man, dass man viel dagegen tun kann. So habe ich mich im November des letztes Jahres dazu entschlossen, Depressionen endlich mit etwas wirkungsvollerem zu begegnen, als die reine Willenststärke nicht in das Loch zu fallen. Ich habe mir ein Medikament verschreiben lassen. Citalopram. Eines dieser kleinen Hilfsmittelchen, die ich nur zutiefst empfehlen kann. Es macht wach im Kopf, lässt die Konzentration nicht ganz so schnell schwinden und vor allem: Es spannt ein Sprungtuch über tiefe Löcher. Solange sie nicht zu groß sind, verhindert diese kleine Pille, dass man gänzlich hinein fällt. Aber es wäre ja viel zu einfach, wenn der Spuk damit vorbei wäre.

Betrachten wir einmal eine Depression aus Einsteins Sichtweise. Schwarze Löcher haben eine unendliche Anziehungskraft. Sie sind beinahe verlockend, denn mit einer Depression bekommt man Antworten, die man sucht. Warum geht es mir schlecht? Weil ich es nicht anders verdient habe! Warum trifft die Krankheit gerade mich? Weil du es mit deiner Art anziehst! Man kann nichts richtig machen und verdient es nicht glücklich zu sein – und das macht Sinn. Es gibt deinem Leben Sinn, wenn du Depressionen hast. In den schwarzen Löchern steckt eine unglaubliche Quelle der Kreativität, aber das ganze geht auf Kosten des Selbst. Man verliert sich in ihnen. Diese Depressionen auf dem Weg sieht man nicht, eben wie schwarze Löcher. Man ahnt, dass dort etwas ist und irgendwann reicht die Kraft nicht mehr aus, um aus ihnen auszubrechen. Hier bin ich sehr froh über meine kleine Pille. Bisher hat sie mir gute Dienste geleistet, hat mir immer dieses kleine Bisschen Schub gegeben, das gefehlt hätte, um aus dem Ereignishorizont der Depression zu fliehen.

Gestern ging es mir miserabel. Nach einem Besuch beim Amtsarzt, der meinen Behinderungsgrad feststellen sollte, fielen alle meine Anspannungen und Ängste ab. Aber damit habe ich mich etwas schutzlos stehen gelassen und schon schlug die Depression zu. Die schlechten Gedanken kamen, dieses schwere Bauchgefühl, die Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit. Ich dachte über den Begriff der Schwerbehinderung nach und dass ich vor einem Jahr noch ganz “normal” war. OK, ich übertreibe jetzt. Jeder der mich kennt weiß, dass ich noch nie normal war. Aber davon mal abgesehen, hätte ich mir vor einem Jahr noch nicht vorstellen können, im Rollstuhl zu sitzen und einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Gestern kamen diese Gedanken – ich stellte mir diese berümte Frage nach dem “Warum ich?” und auch wenn ich weiß, wie destruktiv dieser Gedanke ist, so hatte ich ihn.

Heute bin ich fröhlich aufgewacht. Der Spuk ist zuende. Einstein hatte unrecht: Es gibt Dinge, die aus einem schwarzen Loch entkommen können. Ich kann es. Und ich werde es in Zukunft auch weiterhin können. Ich glaube nicht immer dran und manchmal brauche ich einen gewaltigen Arschtritt, um diese Erkenntnis zu erlangen – aber am Ende komme ich immer raus. Und egal ob Ihr eine Krankheit habt, die euch eine Depression schenkt oder einen Schicksalsschlag erlebt. Egal ob Ihr jemals eine solche Phase im Leben hattet oder “nur” eine unendliche Traurigkeit im Herzen tragt: Es geht vorbei. In den schwarzen Löchern der Depression gibt es immer einen Ausgang, eine Rettungsleine, einen Anker oder sonstige Maßnahmen, um nicht weiter zu stürzen. Immer. Ihr müsst sie nur suchen und finden. Manchmal sind diese Wege versteckt und es bedarf Hilfe, um sie zu erkennen. Ich weiß, wo ich meine Hilfe finden kann und daher kann ich heute auch wieder sagen: Das Leben ist schön! Und ja ich weiß, dass Einstein nur die Wahrscheinlichkeit einer Singularität mit einer so großen Masse vorhergesagt hat, dass selbst Licht nicht schnell genug ist, um zu entkommen. Er hat nie von scharzen Löchern gesprochen. Und mit diesem “Besserwissermodus” verlasse ich euch für heute wieder und genieße die Sonne. Macht das bitte auch! Seid glücklich!

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1 Comment

  1. Natalia Prodan 28. November 2018 at 7:02

    Mann darf seine Seele nicht vernachlässigen….Dann kann man auch nicht in schwarze Löcher fallen.

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