Der schöne Weltuntergang

Ich gebe ja zu, dass mir eine Zombieapokalypse besser gefallen hätte, als dieses Pandemie-Szenario. Aber im Grunde ist es vollkommen gleich, auf welche Art und Weise wir alle sterben werden, wenn diese drohende Gefahr etwas schönes offenbart.

Im Social Media ist es bereits ein Renner: Italien singt und musiziert gemeinsam aus der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände heraus. In einem Zustand der nationalen Quarantäne, denn seit ein paar Tagen darf dort niemand mehr das Land verlassen, und der Unsicherheit, ob man im nicht mehr stattfindenden öffentlichen Leben vielleicht den Tod findet, sprießt die Sehnsucht, beisammen zu sein. Menschen rücken näher, obwohl sie gerade jetzt getrennter von einander leben müssen.

In Deutschland kleben Menschen Zettel in die Fenster, dass sich Menschen melden können, für die dieser Zettelschreiber dann einkaufen geht. Hilfsbereitschaft kommt aus allen Richtungen. Menschen bieten Unterhaltungsmöglichkeiten für Kinder in Quarantäne kostenfrei an und rücken über digitale Medien zueinander. Keiner bleibt allein. Dabei haben mir die zahlreichen Lehrfilme aus Hollywood stets anderes prophezeit. Dort beginnt alles mit Plünderungen, dann folgt Gewalt und Kanibalismus, während das Recht des Stärkeren zum einzigen Gesetzt wird. Niemand von uns hat eine Pandemie mitgemacht. Niemand von uns weiß, wie sich unsere Welt gerade verändert. Und trotz dieser Unsicherheit und manch apokalyptischer Falschmeldung aus Whatsapp und Facebook, ziehen Jugendliche nicht brandschatzend durch die Innenstädte. Der größte Teil unserer Bevölkerung übt sich in Rücksicht- und Anteilnahme.

Leider habe ich mit einem Satz gelogen. „Keiner bleibt allein“, ist leider trotz all der schönen und menschlichen Reaktionen auf Corona, ein Traum. Es gibt ganze Bevölkerungsgruppen, die davon ein Lied singen können. Medizinisches Personal, alleinerziehende Arbeitnehmer, Senioren… die einen pfeifen aus dem letzten Loch, weil auf ihnen Moment die ganze Last dieser Krankheit ruht, die anderen sollen für Monate nicht mehr besucht werden, um sie zu schützen. Doch ist Einsamkeit und soziale Abschottung nicht noch viel schlimmer als die Gefahr durch einen Virus? Das eine stellt eine rechnerische Gefahr da, das andere eine garantierte Verletzung. Manche Menschen werden mit ihren Zukunftsängsten alleine gelassen, weil sie als Selbstständige gerade vor einem Abgrund stehen.

Ich würde mir wünschen, dass sich jeder kurz die Frage stellt, wie wir auch diesen Menschen helfen können. Wir machen uns schon gegenseitig Mut, wenn wir am Fenster singen oder jemandem einfach nur mal Tipps und Tricks für die Kinderbespaßung senden – machen wir doch auch mal den Menschen Mut, die gerade ungefragt in eine Abschottung, Überlastung oder Hoffnungslosigkeit geraten. Entlasten wir das medizinische Personal, indem wir nicht panisch werden oder mit kleinen Wehwehchen in die Notaufnahmen tapern. Geben wir mit unserer Zuversicht denen Mut, die Hoffnung verlieren und hören wir einander zu. Manche von uns haben Angst und müssen die auch mal herauslassen. Lachen wir nicht über diese Ängst. Manche von uns überspielen Angst durch Humor, lesen wir einfach mal zwischen den Zeilen. Und alle die, die keine Angst haben und keinen Grund in all den momentanen Maßnahmen sehen: Nehmt diejenigen ernst, die eine Gefahr sehen. Es schadet euch nicht, gerade mal auf den Besuch eines Konzerts zu verzichten, es schenkt aber jemand anderem ganz viel Sicherheit. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das alle schaffen.

Ich bin gerade (und mir ist klar, dass dieser Zustand fragil und eventuell kurzlebig ist) stolz auf uns Menschen. Wir zeigen zu einer Zeit, in der Abschottung gegenüber anderen politischen Aufwind bekommt und physische Abschottung das eventuell begünstigen könnte, wie stark wir zusammenrücken können. Im Moment zählt, dass wir alle möglichst gesund bleiben oder den Virus mit allen Mitteln gut überstehen – nicht unsere Herkunft, Hautfarbe oder den Grund für unsere Sorgen im Leben. Menschen gegen Corona, nicht Menschen gegen Menschen. Es wäre schön, wenn uns gerade die Augen geöffnet wird – auch wenn es durch eine Pandemie passiert.

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5 Comments

  1. Horst 15. März 2020 at 13:35

    Danke Chris. Ich kann mich deinen Worten nur anschließen. Ich selbst bin leider nicht in der Lage, meine Gedanken in solche Worte zu fassen. Deshalb nochmal vielen Dank dafür. Bist in meinem❤️und in meinen Gedanken.

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  2. Werner 15. März 2020 at 16:06

    Gut geschrieben! Ein “Alter” aus Krefeld.
    😉

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  3. Manuela 15. März 2020 at 22:14

    Dem ist nichts hinzuzufügen 👍

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  4. From Stine with love 16. März 2020 at 2:54

    Moin Chris! Wie immer! Punktlandung. Berührend, positiv, herzlich, liebevoll, pragmatisch. Bleib so gesund es irgend geht, sonst klappt das nicht mit Urlaub auf der Insel.
    ❤️🙏🏻🍀❤️🍀🙏🏻

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  5. From Stine with love 16. März 2020 at 2:54

    Mit dem Zartphone geht’s, mit dem Läpti nicht! :-)))))

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