Die dunkle Seite der Macht

Manchmal ist es so, als würde eine düstere Art von Magie mich beeinflussen. In dem einen Moment kann ich noch laufen – OK, vielleicht nicht laufen, aber mich zumindest auf den Beinen halten – und im nächsten Moment habe ich keine Kontrolle mehr über meine Extremitäten. Dann liege ich schonmal mitten im Flur, in der Küche oder auf dem Boden des Wohnzimmers. Schlimmer ist es allerdings noch, wenn man gerade vom Einkauf bei Aldi kommt und im nächsten Moment trotz Krücke auf dem Parkplatz liegt. Im Gegensatz zu dem, was man immer im Fernseher sieht, sind die Menschen dann doch hilfsbereit, kommen an und bieten einem eine helfende Hand an und fragen nach, ob alles in Ordnung ist. Ein freundliches Lächeln und ein “Dankeschön, aber ich glaube das geht schon. Nein, es ist nichts passiert, aber nochmals vielen Dank!” folgt dann von mir und ich versuche wie ein Käfer auf dem Rücken langsam wieder in Kontrolle zu kommen. Doch: So geht es einfach nicht weiter. Ein neues Hilfmittel muss her. Zwar ist die Krücke ganz wundervoll für kleine Strecken, doch über die 100-Meter-Marke schaffe ich es dann doch nicht mehr. Wie hieß es bei der Diagnose noch so schön: “MS heißt nicht, dass Sie im nächsten Jahr im Rollstuhl sitzen!” und sicherlich hatte der Arzt Recht… außer bei mir. 🙂

Der Arzt stimmt meinem Gedanken an das rädrige Hilfsmittel zu, die Selbsthilfegruppe trat beratend in Kraft und schon bin ich auf dem Weg in eine neue, mobile Welt. Gelernt habe ich dabei, dass es besser ist, sich einen wirklich guten Fachmann zu suchen und nicht in den nächsten Laden zu rennen. Erst beraten lassen, ausprobieren und dann mit dem Ergebnis zum Arzt, damit der das passende Gerät verschreibt. Also: ich machte mich eines Tages auf den Weg zur Beratung. Wie schwer kann das schon werden. Ich WILL ja einen Rollstuhl haben. Der hilft mir. Und dann war der Moment da. Ich saß in einem passenden Gefährt und rollte über den Parkplatz des Geschäfts. Wird das meine Zukunft werden? Werde ich irgendwann gar nicht mehr aus dem Stuhl herauskommen? Zurückblickend auf diesen Tag vor etwa 3 Wochen muss ich sagen, dass er mir eine ganze Menge Angst gemacht hat. Die dunkle Seite der Macht – bzw. die düsteren Abschnitte dieser Erkrankung. Manchmal ist man nur Zuschauer und merkt, wie die Krankheit die Regie übernimmt.

Ohje, das ganze klingt jetzt viel negativer, als es ist. Nun sind ein paar Wochen vergangen und ich warte auf die nächste Etappe auf diesem Weg. Ein Leihrollstuhl wird mir gestellt, mit dem ich dann für eine Woche mal durch meinen Alltag rase. In meinem Kopf sieht das ganze lustig aus. Ich kann die Hamster jagen, mit meinem Sohn ein Wettrennen starten und heimlich den Hilfsmotor zuschalten, kann aus versehen den Berg hinunter rasen, dabei wild “Freiheit!” schreien und schließlich unten angekommen jemanden anrufen, der mich wieder nach oben fährt. Das wird lustig. Ich freue mich auf den Rollstuhl, denn ohne geht es einfach nicht weiter. Und ehrlich gesagt: So schlimm ist es jetzt auch nicht, wenn ich mir dabei all die Vorteile ansehe. Also nächstes Projekt: Wird mich der Blitzer vom Ordnungsamt fotografieren, wenn ich in der 30ger Zone richtig Gas gebe?

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