Die Normalität ist so zerbrechlich

So ein Besuch in meinem Selbsthilferudel bringt immer mit sich, dass ich mir viele Gedanken mache. Über mich, die vergangenen Monate und was alles so passiert ist. Heute denke ich darüber nach, wie zerbrechlich doch dieser Zustand ist, den wir “normal” nennen. Wie oft gehen wir davon aus, dass morgen immernoch alles so ist, wie wir es gewohnt sind – unsere Welt genauso läuft, wie wir es uns vorstellen. Nein, eine Abweichung von der Normalität sieht unser Gehirn gar nicht vor und zu selten sind wir dann, wenn sich etwas ändert, darauf vorbereitet. Sei es, dass man plötzlich seinen Arbeitsplatz verliert, eine komische Krankheit bekommt oder die eigene Freundin schwanger wird… Das Leben läuft manchmal ziemlich abrupt in eine komplett andere Richtung. Und bevor jetzt Gerüchte aufkommen: Niemand ist schwanger!

Bei mir war es eine Krankheit, über die ich seit vielen Jahren nachgedacht habe. Irgendwie hat sie mich immer begleitet, weil man etwas darüber im TV gesehen hat, einen entfernten Bekannten hat, den es plötzlich traf oder sonst irgendwie in Kontakt mit dem Thema “Multiple Sklerose” gekommen ist. Ich für meinen Teil fand die Krankheit immer erschreckend und sie fand Platz in meiner Schublade der Dinge, die ich bitte niemals haben möchte. Und dann kommt plötzlich ein Arzt und spricht diese Worte aus. Mit einem Schlag ist alles anders – nicht weil man sich plötzlich schlechter fühlt… ich hatte vorher so große Probleme, dass ich über meinen neuen, behinderten Zustand nach dem Kortison richtig froh war. Nein, weil einem ganz neue Sorgen und Gedanken quälen. Ängste vor der Zukunft, die Frage, wie es wohl bei mir sein wird. Und dann kommen noch die Herausforderungen mit den Ämtern. Da wird hier etwas nicht bewilligt, dort etwas nicht anerkannt und schließlich muss man einen Widerspruch einlegen, obwohl dies so gar nicht zur eigenen Person passt. Alles ändert sich.

Das kann jeden treffen. Es muss nicht die Krankheit sein und ich hoffe, es wird auch keine andere, lebensverändernde Diagnose auf eurem Weg warten. Aber manchmal sind es auch die vermeintlich kleinen Dinge, die das eigene Leben auf den Kopf stellen. Und ist das so schlimm? Sind wir nicht manchmal viel zu festgefahren auf unseren “normalen” Pfaden, so dass etwas eingreifendes plötzlich neue Möglichkeiten eröffnet, die wir vorher nicht wahrgenommen haben? Ich nehme mich selber plötzlich anders wahr, weiß viele Dinge viel mehr zu schätzen und entdecke eine neue, innere Ruhe. Ich gebe zu, dass ich sie noch viel zu selten spüre, aber zumindest arbeite ich (zwangsläufig) daran. Und das ist gut, es gefällt mir und oft überwiegt genau dieses Gefühl all die schlechten Gedanken, die bösen Vorahnungen und Sorgen.

Die Normalität ist zerbrechlich und wenn sich jeder für einen Moment darüber bewusst ist, taucht vielleicht auch einfach mal so die Frage auf, was man nicht einfach mal verändern könnte. Zum Beispiel nach dem Feierabend einfach mal irgendwo sitzen, den Trubel an sich vorbeiziehen lassen und eine Cola trinken. Vielleicht einfach außer der Reihe mal Blumen für einen lieben Menschen kaufen, dem man ohnehin viel zu selten sagt, dass man ihn furchtbar gerne hat. Und ganz besonders: Träume nicht in Warteschleife setzen. Die Zeit nutzen, soviele schöne Dinge zu genießen, wie man kann. Sich kleine und große Wünsche erfüllen und diesen mit ganzem Herzen nachgehen. Es tut gut, etwas zu verändern und noch besser, wenn man das nicht gezwungener Maßen macht, sondern einfach, weil man sich danach fühlt.

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2 Comments

  1. Pia 8. August 2018 at 10:48

    Lieber Chris, ich bedanke mich für Deine Beiträge. Es ist gut zu hören dass man mit all diesen Problemen nicht alleine ist. Ich habe selber seit Frühling 2013 diese Diagnose. 😔 Ich weiss nur zu gut was da alles anders wird. Und Deine Zeilen geben mir wieder Mut zum weiter kämpfen. In jeder Hinsicht. Ich wünsche Dir nur das Beste und viel Freude bei allem was Du machst. Mit lieben Grüssen Pia 🌼

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    1. Chris 8. August 2018 at 11:33

      Liebe Pia, ich danke dir sehr für deinen Kommentar. Ich habe diesen Blog gestartet, nicht nur weil ich mir selber etwas von der Seele schreiben wollte, sondern weil ich die Hoffnung hatte, dass meine Worte irgendwen berühren oder helfen. Zu lesen, dass meine Zeilen dir Mut geben tut unheimlich gut! Kämpfe weiter, behalte dein Lächeln und genieße einfach jeden Tag so, wie du es vermagst!
      Ganz liebe Grüße
      Chris

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