Die Zeit heilt alle Wunden, oder?!

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Das Kinderlied zu „Heile, heile Gänschen“ endet mit: „In hundert Jahren ist alles weg.“ Alles hat ein Ende (nur die Wurst hat zwei), ja, all das gibt einem eine Hoffnung, wenn es einem schlecht geht. Doch was passiert mit der Hoffnung, wenn man ganz genau weiß, dass eben nicht alles vorbei geht – wenn man ganz genau weiß, dass der Grund für den Schmerz eine unheilbare Krankheit ist? Gibt es noch Hoffnung, wenn man persönlich nicht an Wunder glaubt?

Ich bin mit solchen Fragen wahrscheinlich etwas spät dran. 1,5 Jahre lang habe ich mit der Diagnose MS nun gelebt und bis auf einige kleine Tiefs zwischendurch, auch fröhlich und zuversichtlich. Und nun sind es 7 Monate geworden, seitdem ich das letzte Mal geschrieben habe in diesem Blog. Ich habe mich zurückgezogen, habe mich auf neue Lebenssituationen, neue Stufen meiner Erkrankung und auf mich selbst einstellen müssen. Langsam aber sicher bin ich stumm geworden. Ich habe lieben Menschen, mit denen ich lange in Kontakt war, nicht mehr geschrieben, habe mich sporadisch auf Twitter gemeldet und immerzu mein Zurückkommen deklariert, nur um dann wieder zu verschwinden. Zeitweise habe ich meine Hoffnung verloren.

1,5 Jahre lang hatte ich eine ziemlich krasse Entwicklung bei meiner Krankheit. Ich konnte immer weniger Dinge meines Alltags gut und alleine bewältigen. Immer weniger Schritte laufen. Immer weniger mit meinen Händen anfassen, ohne dass sie auf dem Boden gelandet sind. Dennoch war in meinem Kopf noch nicht ganz angekommen, was so eine Diagnose „Unheilbar“ genau bedeutet. Neue Symptome meiner Krankheit habe ich betrachtet und mir gesagt, dass es irgendwann wieder besser wird. Diese kleine Hoffnung hatte ich in mir – dieser Glaube daran, dass die Zeit jedes Wehwehchen verschwinden lässt. Dann war klar, dass meine erste Basistherapie nicht anschlägt und die Schubfolge war zu rapide. Eine neue Basistherapie musste her. Aber kurz nach der dritten monatlichen Dosis Tysabri habe ich einen weiteren Schub erlebt. Der Boden unter meinen Füßen war futsch… ich fiel. Die Schmerzen wurden stärker und ich wurde weiter zum Pflegefall. Irgendwie gab mir das den Rest. Die brachiale Deutlichkeit des Begriffs „Unheilbar“ eroberte die Gedanken meiner Nächte, in denen ich keinen Schlaf mehr zu finden schien und ich war in der tiefsten Depression der letzten Jahre. Trotz Psychopharmaka, trotz lieber Hilfe. Ich versuche mir nicht viel anmerken zu lassen und doch bekommt jeder es mit.

Ein paar Monate schien für mich alles schwarz und ich bewegte mich nur noch selten aus meinem Schneckenhaus. Mein Sicherheitsnetz, das mir vor dem freien Fall bewahren sollte – die Tabletten, die ich jeden Tag nehme – wurde bis zur Zerreisprobe gespannt, als ich in ihm landete. Unter mir nur tiefer, düsterer Abgrund… bodenlos. Aber dann kam ein kleines Licht. Ich fand etwas gegen meine Schmerzen, etwas, das meine Gedanken wieder aufhellen konnte, mir etwas Hoffnung zurückgab. Aus dem Loch bin ich soweit raus, doch balanciere ich noch immer am Abgrund entlang. Sicher bin ich noch nicht, aber ich stehe wieder auf meinen zwei Beinen (bildlich gesprochen, aber „ich rolle wieder mit beiden Rädern auf dem Boden“ klingt so doof).

Also: Was passiert mit der Hoffnung, wenn man weiß, dass alles kein Ende haben wird? Sie muss sich neu erfinden. Ich hoffe nicht mehr darauf, irgendwann einen Marathon zu laufen. OK, ich gebe es zu… DAS war nie meine Hoffnung gewesen. Aber ich hoffe nicht mehr Dinge, die nicht zu ändern sind. Ich hoffe auf andere Ziele. Sie mögen aussehen, wie kleinere resignierende Ziele, aber das ist nicht so. Ich hoffe nicht mehr darauf, dass alles gut wird, aber dass ich vielleicht in Zukunft doch meine kleine Deutschlandreise mit Bus und Bahn antreten kann. Ich hoffe jetzt darauf, dass ich weiterhin meine Schmerzen so unter Kontrolle habe, wie ich es jetzt schaffe. Ich hoffe darauf, vielleicht doch irgendwann nochmals eine Reise in ein fernes Land wagen zu können, auch wenn ich jetzt regelrechte Angst davor hätte. Das sind keine kleinen Ziele – das sind die wichtigsten. Ich kann mein Leben schön gestalten, auch wenn ich im Rollstuhl sitze. Ich kann lachen und strahlen und mich gut fühlen, auch wenn ich konstant Schmerzen habe. Ich kann eine Zukunft haben – das einzige, das dem im Weg stehen könnte, bin ich selbst. Ich muss an mich glauben, wie es auch andere schon tun. Es muss in meinem Kopf nur ankommen und von mir geglaubt werden. Gerade balanciere ich noch am Abgrund, aber ich habe nicht vor, jetzt nochmals in das Loch hineinzufallen – ich brauche nur noch ein wenig Zeit. Ihr wisst ja: Zeit heilt alle Wunden!

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1 Comment

  1. Manuela 1. Juli 2019 at 20:11

    Moin Chris! Wie schön, wieder von Dir zu lesen!
    Auch wenn das nicht wirklich toll klingt.
    Aber Du hast alles Recht der Welt, mit Deiner Krankheit und Deinem Befinden so umzugehen, wie es gerade passt. Und das Zurückziehen ist eine Möglichkeit.
    Ich bin unendlich traurig, dass sich so vieles verschlimmert hat.
    Und sehr froh, dass es noch kleine Hoffnungsinseln gibt und viele, glückliche Momente.
    Ich würde Dich jetzt gerne ganz doll drücken, ganz lange.
    Aber ich bin so weit weg und kann es nur mit Worten und virtuell.

    Wenn Du mal telefonieren möchtest, einfach so, let me know und wir können ein bisschen ratschen!

    Ganz liebe Grüße aus Hamburg von Manu ❤️

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