Du musst dies, du musst das!

Versteht mich nicht falsch. Vorschriften im Leben sind gut und wenn sich mehr Menschen an sie halten würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Aber… Es gibt so Vorschriften, die einfach absolut überflüssig sind. Die Vorschriften, die einem andere Menschen versuchen zu machen. Sei es, weil sie der Meinung sind, es besser zu wissen oder weil man ansonsten gegen ihre eigene Agenda verstößt. Leider nimmt diese Kategorie Vorschriften langsam überhand. Ich entschuldige mich jetzt schon einmal, dass dieser Artikel ein klein wenig “politisch” wird. Es sind meine eigenen Ansichten, mit denen ich euch keine Vorschriften machen möchte, wie ihr zu denken und zu fühlen habt, doch muss das mal aus aktuellem Anlass heraus. Ich lade euch aber gerne zu hitzigen Diskussionen in den Kommentaren ein, wenn ihr das wollt. 🙂

Ich bin behindert. Körperlich. Ich bin in der Regel dazu im Stande, meine Fähigkeiten richtig einschätzen zu können und handele nach diesem Ermessen. Ist das immer vollkommen richtig? Nein, bestimmt nicht. Ich übernehme mich auch schon einmal an Aufgaben, bin hinterher fix und fertig oder merke auf halben Wege, dass es vielleicht keine so gute Idee war. Aber durch einen solchen Lernprozess muss ich selber gehen. Ich bin sehr dankbar (auch wenn das manchmal nicht so erscheint), wenn mein Umfeld mir einmal einen Hinweis gibt. Sowas wie: “Bist du dir sicher, dass dies eine gute Idee ist?” Ich kann bei einer solchen Frage mich selber reflektieren und meine Einschätzung nochmals überdenken. Das ist toll. Wenn dann aber wildfremde Menschen versuchen, einem klar zu machen, dass man etwas nicht schafft, dass man etwas anders machen muss oder man doch dies oder das nicht alleine kann – dann wird es beleidigend. Die Welt muss mich nicht beschützen, das mache ich schon gerne selber.

In der heutigen Welt wird das allerdings immer schlimmer. Es gibt Gruppen von Menschen, die sich anmaßen, für eine bestimmte Minderheit zu sprechen. Sei es, weil sie hinter jeder Ecke “Diskriminierung” vermuten oder davon ausgehen, dass sie die einzigen sind, die für die vermeintlich schwachen einstehen können. Wenn man, wie ich, ein Asperger-Autist ist und über ein Thema seine Meinung äußert, dann schreien sie Zeter und Mordio und versuchen einem vorzuschreiben, dass bestimmte Formulierungen ja nicht gehen, weil man damit der “Sache” schadet. Das schöne Thema “Inklusion” zum Beispiel. Äußert man, dass die Inklusion in deutschen Schulen einfach nur Mist ist, dann soll man statt “Inklusion” “Integration” schreiben, weil es ja keine echte Inklusion ist. Ja, ich weiß – daher sage ich ja, dass die postulierte Inklusion in deutschland Mist ist. Wenn man sich selber als “Behindi” bezeichnet, weil man behindert ist und irgendwie den Begriff “Behindi” netter findet, lustiger, weniger depressiv, dann spricht man in einer diskriminierenden Sprache. Als wenn ich mich selber diskriminieren würde?!?! Wenn ich probiere, einen Bordstein ohne Absenkung herunter zu fahren, bekommt man den Hinweis, dass man das nicht darf, weil man sonst stürzt. Zumeist gefolgt von wirren Aussagen über den bösen Staat und dass er so gar nicht barrierefrei ist und ach Herrje, die armen Behinderten. Und wenn man heutzutage eine Frau ist, dann muss man unbedingt nach den Regeln der Feministinnen leben, darf bestimmte Kleidung nicht mehr tragen, weil man damit den bösen Männern in die Karten spielt. Ein immer größer werdender Teil unserer Bevölkerung scheint mit den kleinsten Herausforderungen, mit dem geringsten Gegenwind, nicht mehr zurecht zu kommen. Das eigene zu geringe Selbstvertrauen und – Bewusstsein wird plötzlich auf alle anderen projiziert. Wenn ich mir das selber nicht zutraue oder ich selber dadurch das Gefühl habe, ungerecht behandelt zu werden, dann muss ich das laut herausbrüllen, damit all die anderen in meiner Situation geschützt werden.

Ehe man es sich versieht, werden bescheuerte Vorschriften erlassen. Die ernsthafte Diskussion darüber, dass Männer nicht mehr breitbeinig in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen dürfen – und am besten nirgendwo mehr. Die Vorschrift, dass inzwischen Raucher auch vor den Kneipen nur noch an bestimmten Orten rauchen dürfen, weil sonst an der frischen Luft die Nichtraucher gestört werden. Die Vorschrift, dass man als Rollstuhlfahrer nur noch in den gekennzeichneten Abteilen im Zug sitzen darf, weil es für einen sonst zu kompliziert werden würde. Die Diskussion darüber, dass unsere Nationalhymne umgedichtet werden soll, damit dort nicht mehr “brüderlich” drin vorkommt. Ich soll darauf achten, wie ich spreche, weil ganz normale und gängige Ausdrücke plötzlich jemandem weh tun könnten. Was soll das?

Wenn Inklusion bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben, wie andere Menschen – dann sollte es auch bedeuten, dass sie die gleichen Herausforderungen und Hürden haben. Gebt jemanden kein Abitur, der die Prüfungen nicht schafft, nur weil er behindert ist! Und schreibt mir nicht vor, welchen Bordstein ich befahren darf, nur weil ich im Rollstuhl sitze! Gibt es Ungerechtigkeiten in dieser Welt, die man aufzeigen sollte oder kann? Ja natürlich – aber diskriminiert nicht eine bestimmte Gruppe von Menschen, nur weil ihr eine andere Gruppe entdiskriminieren wollt.

Um nochmals zum Thema “Multiple Sklerose” zurück zu kommen, weil ich ja gerne etwas zu meinem Alltag mit dieser Krankheit schreiben mag. Ich bin mir bewusst darüber, welche Einschränkungen ich habe. Manchmal möchte ich an diese nicht erinnert werden, manchmal kann ich mich selber wirklich nicht richtig selber einschätzen. Aber wenn es eine Person kann, dann bin ich das selber. Da helfen keine Vorschriften, da hilft kein erhobener Zeigefinger. Es sind letztlich meine eigenen Entscheidungen, wie, wann und wo ich etwas mache oder es lieber sein lasse. Ich weiß, dass ich möglichst viel ohne Rollstuhl erledigen sollte und doch weiß ich am besten, wann ich diesen nutze. Da hilft es nicht, wenn ich den Satz höre: “Du musst aber auch Dinge ohne den Stuhl erledigen!” Mein Vorschlag wäre: Fragt danach, ob ihr helfen könnt. So bekommt ihr am schnellsten heraus, ob jemand Unterstützung, Ratschläge oder sonstige Dinge benötigt.

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