Ein großer Schritt für Mediziner

Ja gut, ich verstehe, dass die Multiple Sklerose eine seltsame Krankheit ist. Ja, ich verstehe, dass sie bei jedem anders ausbricht. Und ja, ich habe vollstes Verständnis dafür, dass Mediziner halt keine Halbgötter in Weiß sind, sondern eben auch nur Menschen. Doch jetzt muss, ich bei all dem Verständnis, auch mal meine eigene Situation betrachten und merke, dass ich mich fühle wie ein unbekannter Planet, auf dem zum ersten Mal ein Mensch gelandet ist. Er gräbt ein wenig hier, untersucht ein wenig da und nach 15 Minuten steigt er wieder in sein Raumschiff und funkt zur Erde, dass er alle Geheimnisse gelöst hat und den Planeten wie seine Westentasche kennt.  Und als Planet muss ich da jetzt mal Einspruch erheben – lieber Forscher, du kennst noch nicht einmal einen kleinen Teil.

Wie oft saß ich jetzt schon beim Neurologen und erntete verwirrte Blicke. “Ach, das haben Sie auch?”, “Das ist aber jetzt seltsam…” – kurzes Grübeln und Schweigen, dann ein Blick in die Akte und sein Gesicht lies erkennen, dass er erst jetzt wusste, wer ihm gegenüber sitzt. Wie oft saß ich beim Neurologen und durfte mir anhören, dass meine Symptome stärker sind, als die MRT-Bilder vermuten lassen, dann man vielleicht hier nochmal abwarten müsste, da vielleicht nochmal die Halswirbelsäule operiert und dann nochmals alles neu betrachtet. Gesagt, getan – der Astronaut hat neue Proben genommen und dennoch zeigt sich der unbekannte Planet von seiner mysteriösen Seite. Ich bekomme einen Schub, kenne inzwischen meinen Körper soweit, um zu wissen, dass es kein kurzer Anfall von Uhthoff ist, dass es nicht nach ein paar Tagen wieder weg geht, wenn ich mich der Hitze entziehe und doch ist genau das die Antwort vom Neurologen. Es muss so sein, denn es passt zur Krankheit. Aber ist die Krankheit nicht so individuell, dass man sowas gar nicht sagen kann? Die Symptome meines Schubs werden spürbar stärker und ich spreche das Thema an und bekomme zu hören, dass man da nichts gegen tun kann. Ich warte also ab, bis ich in zwei Monaten meinen Termin in der Uni-Klinik habe und dort nochmals getestet, gepiekt, gezappt, gewasweißich werde, Kortison bekomme und hinterher geschaut wird, welche neue Basistherapie für mich die richtige ist. Ich warte und wackele vor mich hin, fühle mich jeden Tag mehr, als würde mich ein LKW überfahren – nein, als läge ich auf der A3 bei Berufsverkehr.

Vielleicht liegt es auch an mir. Vielleicht bin ich im Moment in einem Stadium, indem ich langsam von der Krankheit die Nase voll habe. OK, das klingt jetzt komisch, denn ich bin mir bewusst, dass ich diesen Zustand erst ziemlich spät erreicht habe und trotz meiner Einschränkungen bislang eher ignorant gegenüber der MS war. Vielleicht merke ich erst jetzt gerade, dass meine Krankheit so seltsam ist, dass Ärzte halt nicht in ihr schlaues Buch gucken können und eine Heilung parat haben und vielleicht habe ich bislang ein queres Bild unserer Halbgötter in Weiß gehabt. Die 15 Minuten, die man während der Sprechstunde hat, um all seine Probleme zu schildern, sind wahrscheinlich auch einfach zu wenig. Wenn ich über mich nachdenke und alles beschreiben sollte, was mit mir gerade nicht stimmt, komme ich ziemlich sicher auf eine viel längere Zeit. Fachärzte sind ziemlich begehrt und ich kann und darf einfach nicht davon ausgehen, dass er mit seinem Raumschiff auf mir landet und sich ersteinmal häuslich niederlässt, bis er mich verstanden hat. Dennoch lade ich hiermit alle furchtlosen Forscher, Erkunder des Unbekannten, Pioniere und Eroberer ein, ihre Raketen zu starten und den unbekannten Planeten Chris unter die Lupe zu nehmen. Ich weiß, das ist ein großer Schritt für einen Neurologen, doch es würde mich einen riesigen Sprung nach vorne bringen. Solange heißt es weiter: “Houston, ich habe ein Problem!”

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