Ein Jahr in Los Santos

Nun ist es bald ein Jahr, dass die Seuche uns heimgesucht hat. Fast ein Jahr, in dem ich meinen Sohn nicht sehen konnte und er durch die Wirren des (neuen) Alltags und die Hormonspielchen der beginnenden Pubertät ohne seinen Papa gehen musste. Das ist eine lange Zeit und dennoch ist es nun auch fast ein Jahr, dass ich mit ihm regelmäßig Los Santos besuche und dort eine Menge Spaß mit ihm habe. Nun werden einige von euch wissen, wo Los Santos liegt und wie das ganze abläuft, doch die meisten werden nun Fragezeichen über ihren Köpfen haben. Also erzähle ich jetzt einfach mal die Geschichte von Vater und Sohn, die eine ganze Stadt unsicher machen.

Los Santos ist die fiktive Stadt im Computerspiel „GTA Online“, ganz stark an dem Kalifornischen Los Angeles angelehnt. Mein Sohn spielt dieses Spiel, obwohl erst ab 18 freigegeben, seit längerer Zeit auf seiner Playstation und irgendwann haben wir uns in diesem Spiel getroffen. Meine Spielfigur ist eine jüngere und fittere Version von mir, seine eine Badboy Version meines Sohnes, komplett tätowiert und in etwa im gleichen Alter wie ich. Das Spiel ist eine moderne Form von Räuber und Gendarm, das wir damals im freien gespielt haben – allerdings mit coolen Autos im sonnigen Kalifornien und so viel mehr Möglichkeiten. So fahren wir zwei Rennen gegeneinander, verfolgen uns mit Flugzeugen und Hubschraubern über die enorme Karte des Spiels oder planen zusammen einen Raubzug samt filmreifer Flucht vor den Behörden. Kurzum, wir verbringen ganz viel Zeit miteinander, reden über unsere Headsets und lachen viel.

In einer Zeit voller sozialer Distanz, hormonbedingter Abnabelung von den Eltern und unsicherer Zukunft, haben wir eine Form des Miteinander gefunden, in der wir enger zusammengewachsen sind, als wir es wahrscheinlich im „realen Leben“ wären. In Los Santos gibt es kein Corona, keinen Rollstuhl, in dem ich sitze und keine Grenzen für eine coole gemeinsame Zeit. Es gibt immer wieder neues zu entdecken, zu erleben und auszuprobieren. Da fahren Vater und Sohn auf Motorrädern dem Sonnenuntergang am Strand entgegen oder der Kleine beweist mir, dass man mit einem viermotorigen Transportflugzeug auf der Spitze eines Hochhauses landen kann.

Das vergangene Jahr war wohlmöglich das verrückteste und psychisch belastendste Jahr meines Lebens und ich habe es zwischendurch nicht einmal geschafft, ein einziges Bild zu malen. Selbst daran hat die gemeinsame Zeit im virtuellen Kalifornien etwas ändern können. Inspiriert durch unsere Abenteuer dort, habe ich ein Hamsterbild im GTA-Artstyle gemalt und habe wieder neuen Mut gefunden, zu zeichnen. Für mich hat dieses Spiel also durchaus etwas therapeutisches und wer weiß – vielleicht ist 2020 in der Erinnerung meines Sohnes nicht das Jahr, in dem er seinen Vater nicht treffen konnte, sondern vielmehr das Jahr, in dem er mit mir seinen ersten Drogenbaron um 2 Millionen Dollar erleichtert hat. Auf jeden Fall wird es ein Jahr seiner Jugend sein, in dem er mit seinem Dad sehr viel gelacht hat.

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