Eine seltsame Freiheit

Nun ist fast eine Woche vergangen und ich bin wieder aus dem Krankenhaus heraus. Eigentlich wäre ich erst gestern hinein gekommen, um mich einmal so richtig auf den Kopf stellen zu lassen, aber der Schub war dann doch heftiger und furchteinflößender, als ich es mir selber zugestanden habe. Also konnte ich ein herrliches Wochenende im Krankenhaus verbringen und durfte all die schönen Untersuchungen über mich ergehen lassen, die ich beim ersten Mal vor 12 Monaten schon geliebt habe. Und kaum habe ich meine Freiheit wieder, kommen die Ketten, die mich fesseln. Aber dazu gleich mehr.

Zuerst möchte ich einmal kurz beschreiben, was für Untersuchungen so bei der MS gemacht werden. Das MRT ist eine Geschichte, um die ich eigentlich nie herum komme. Ab in die Röhre, 40 Minuten still liegen und mir vorstellen, wie gerade elektromagnetische Strahlen mein Gehirn in feine Scheiben schneiden. Beim ersten Mal war ich nervös. Das Ding ist laut, es ist eng und irgendwie ist alles erschreckend. Inzwischen schlafe ich dabei seelig ein, lasse die Geräusche um mich herum einfach ihr Ding machen und genieße ein wenig Ruhe. Das ist bei weitem die angenehmste Untersuchung. Schlimmer sind die Magnetstöße und Elektroschocks, die Aufschluss über die Leitfähigkeit der Nerven geben. Elektroden werden angebracht und dann kommt ein Impulsgeber, der sich anfühlt wie der Schlag eines Bodybuilders, der irgendwie den falschen Proteinshake am Morgen hatte und sich schlecht gelaunt abreagieren will. Wenn es denn wenigstens schöne blaue Flecke geben würde, mit denen man angeben könnte… aber nein. Dabei leidet man für sich alleine. Keine Untersuchung, aber ein Segen ist das Kortison. Ich habe an 5 Tagen jeweils 1000mg als Infusion bekommen. Das macht schön wach, treibt einen in der Klinik umher und bewirkt, dass die starken Symptome langsam abklingen. Die Entzündungen in den Nerven legen sich und mit ein wenig Glück hat man hinterher weniger Beschwerden als vorher. DAS ist bei mir etwas anders. Mir geht es zwar besser, aber jetzt merke ich die Dinge, die nach dem Schub übrig bleiben und mein neues “Normal” darstellen. Aber gut: Neue Herausforderungen im Leben sind ja auch nicht falsch. 🙂

Ich habe also jetzt meine Freiheit. Bin wieder daheim und kann tun und lassen was ich will. Keine Visite, keine Untersuchungen, keine Gespräche mit anderen Patienten – die mir so unglaublich viel gebracht haben. Ich liebe das. Jeder kommt ritualisiert zusammen und man redet über Gott, die Welt und die kleinen Zipperlein, die man so hat. Fast wie beim Bingoabend im Altenheim. Und jeder merkt plötzlich, dass er auf seine Weise noch viel Glück mit der Krankheit hat. Den anderen geht es nämlich in der Regel viel schlechter, als man sich selber fühlt. Und genau an diesem Punkt wird die Freiheit sehr schwer, kommen die Ketten auf eine andere Art und Weise zurück. Ich würde mich gerne mit diesen wundervollen Menschen weiter unterhalten. Ihnen helfen. Mir selber helfen. Und doch geht das zuhause nicht so gut, wie im Klinikum. Ich spüre, wie das Kortison langsam meinen Körper verlässt und die düsteren Gedanken kommen. Das Kortisonloch. Jeder, der von euch eine MS hat, wird das sicherlich kennen. Alles wird schwer, der Blick in die Zukunft dunkel und es kommen viel schneller die Fragen nach dem “Warum”.

So sitze ich also hier und versuche mich zu konzentrieren. Es ist nicht alles schlimm, sage ich mir. Ich muss mich auf das besinnen, was meinen Kopf nun 5 Tage lang dominiert hat. Die Hoffnung auf Besserung, die Freude über jeden Sonnenaufgang und in mir selber das Gefühl, dass mein Körper gegen den ganzen Mist kämpft. Diesen Kampf darf ich nicht aufgeben und ich weiß, dass ich es schaffen werde. Morgen früh wird die Sonne wieder aufgehen und ich werde sie mit einem Lächeln erwarten. Erstmal ohne Spastiken! 🙂

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