Ich habe große Angst.

Das Thema wird jetzt nicht leicht. Ich habe nun einige Tage nicht geschrieben, weil ich noch die Ungewissheit hatte, was passieren wird. Nun habe ich Antworten bekommen und mir wird richtig bewusst, wieviel Angst mir mein Weg macht. Aber fange ich von Vorne an.

Seit 12 Monaten habe ich nun konstant Schmerzen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Am Anfang war es sehr unangenehm, also habe ich Schmerzmittel dagegen bekommen. Die haben so einigermaßen geholfen, auch wenn der Schmerz nie weg ging. Dann kam ein Schub und hinterher waren die Schmerzen auf einem neuen Level. Also habe ich die Schmerzmitteldosis erhöht und wieder konnte ich alles so in den Griff bekommen, dass die Schmerzen zwar weiterhin immer da waren, aber in einem Maße, wie ich es aushalten konnte. Der nächste Schub hob das Level erneut und ich bekam ein neues Medikament, das mir sehr geholfen hat. Und jetzt? Nun, nach dem nächsten Schub und dem sehr heißen Sommer, der bei mir einen Pseudoschub ausgelöst hatte, stiegen die Schmerzer erneut – jetzt auf ein Maß, dass meine Medikamente allesamt auf der Höchstdosis sind und etwas neues kommen muss.

Wie sind diese Schmerzen? Das ist eine Frage, die ich kaum beantworten kann. Wie beschreibt man sowas? Mit Bildern vielleicht? Etwas, das sich jeder vorstellen kann? Nun, dann sind die Arme, Hände und Teile meines Körpers so empfindlich in den Nervenenden, dass jegliche Form der leichten Berührung eine Pain auslöst, die mit Messerschnitten vergleichbar sind. Im Sommer landeten Fliegen auf mir – die meisten Stellen meines Körpers waren so taub, dass ich sie nicht bemerkte, aber auf den Armen war jede Fliege wie eine Zigarettenspitze, die auf ihm ausgedrückt wird. Meine Hände fühlen sich konstant so an, als würden sie über einem Feuer gehalten – gerade so weit entfernt, dass die Haut nicht verbrennt und doch unglaublich schmerzhaft. Und diese Schmerzen sind mit den Schmerzmitteln da. Besser wird es kaum, selten, fast nie.

Das Schmerzmittel, das ich nun verschrieben bekommen habe ist ein Opioid, noch kein Opiad. Also die Vorstufe zum Morphium. Vielleicht reicht das schon aus, um mich schmerzfrei zu bekommen. Aber die Angst steigt nun. Der Schritt ist ziemlich kurz vor einem Depot-Pflaster mit einem Opiad als Wirkstoff. Innerhalb von 12 Monaten bin ich von einigermaßen Schmerzfrei hin zu dem Gedanken an Morphium gekommen. Mit jedem Schub ein Schritt näher dort hin und nun hängt so ein gruseliges Wort wie ein Damoklesschwert über mir. Natürlich wird das helfen. Es wird mein Leben besser machen, als es jetzt ist – aber was ist in 10 Jahren? Wohin entwickelt sich das alles, wenn bislang mit Siebenmeilenstiefeln gerannt wurde? Noch bin ich nicht in Panik, aber die Angst spüre ich förmlich über meinen Rücken hinaufkriechen.

Aber wie immer brauche ich einen guten Gedanken zum Schluss. Einen positiven Ausblick, eine zuversichtliche Stimmung. Ich schreibe diesen Blog nicht, um Angst zu machen, sondern eher, um Mut zu wecken. Aber bei dem Thema “Angst” fällt das schon schwer. Doch eins kann ich sagen. Ich bin überrascht, wie gut es mir ansonsten geht. Ich verliere nicht den Mut. Ich habe 12 Monate Schmerz erlebt und überlebt. Der Mensch ist zu so vielem fähig und ich hätte nie gedacht, dass ich in einem solchen Zustand noch so viel Lebensmut besitze. Und doch wache ich jeden Morgen auf und habe den Gedanken: “Die Welt ist schön!” Diese Gedanken werde ich auch weiterhin haben. Egal mit welchem Medikament, egal wie sehr mich die Krankheit noch verändert. Ich bin ich und das bleibe ich auch noch in Zukunft. Ich bin so froh, dass ich einen Arzt habe, der mich versteht und sich Zeit nimmt, auch wenn ich so oft zu ihm rüber rolle. Ein Arzt, der mich kennt und mich unterstützt. Das ist viel wert und im Grunde auch mein Appell an euch. Egal ob ihr eine MS habt oder vielleicht andere Zipperlein im Leben. Sucht euch einen Arzt, mit dem ihr offen sprechen könnt und für den ihr nicht nur eine Nummer seid. Das macht so vieles einfacher und besser und ich bin mir sicher, dass er mir zu gegebener Zeit auch meine Angst nehmen kann.

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2 Comments

  1. Shoushou 11. Oktober 2018 at 12:16

    Als Nichtbetroffene einfach unvorstellbar, aber solche Blogs sind wichtig. auch um zu verstehen. Deine positive Lebenseinstellung finde ich ganz toll. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute und Kraft, so weiter zu machen!

    LG Shoushou von Twitter

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  2. Heike 11. Oktober 2018 at 22:58

    Lieber Chris, habe schon Tage auf Deine Fortsetzung gewartet. Kann Dich so gut verstehen. Du bist mit Deiner Einstellung und dem Umgang des leider fortschreitender Verschlechterung einfach ein Vorbild.
    Freu mich auf unser nächstes Treffen am 06.11.
    LG, Heike

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