Ich werde zum Monster

Erinnert ihr euch, als in Italien Menschen an ihren Fenstern standen und gesungen haben. Als Solidarität an erster Stelle stand? Erinnert ihr euch, als die Menschen trotz Kontaktverbot zusammengerückt sind – nicht räumlich, sondern auf dieser tiefen, verständnisvollen Ebene? Damals hatte ich mit vielem gerechnet, hatte allerdings ein bisschen die Hoffnung, dass diese schönen Seiten der Seuche die Zeit überdauern und wir menschlicher aus der Krise hervorkommen.

Wir kommen jetzt in Woche 15, in der ich nicht mehr draußen war. OK, zwei unangenehme Termine zur Infusion gab es, aber die zähle ich jetzt mal nicht mit. In diesen 15 Wochen hat sich einiges getan und die Entwicklung geht leider nicht ins Positive. Es ist also an der Zeit, einmal den Ist-Zustand zu betrachten, denn auch ich bin in ganz kräftigem Maße von diesen negativen Veränderungen betroffen. Da wird gerade ein Monster aus mir – leider in einer neuen Welt, in der Monster an jeder Ecke lauern.

Während Corona in der Welt wütet und Menschenleben kostet, feiern Bürger hierzulande Corona-Parties. Nicht im privaten Rahmen, sondern, zum Beispiel in Düsseldorf, ganz offen auf der Straße. Fleißiges schwenken von Deutschlandfahnen gehört natürlich dazu, denn die braunen, ekeligen Nazis haben neuen Zulauf. Nun sind Bürger nicht mehr nur besorgt wegen der Flüchtlinge, sondern auch wegen der unzumutbaren Freiheitsberaubung durch den Staat. Corona ist schließlich total harmlos und der Staat schreibt uns dennoch vor, Abstand zu halten und Masken zu tragen.

Diese „Corona-Rebellen“ und „Widerstand 2020“ Denkverweigerer sind laut und tragen ihre Idiotie frei zur Schau. Ich bezweifele, dass den meisten dieser geistigen Sparflammen bewusst ist, in welchem Dunstkreis sie sich bewegen. Aber es ist auch egal, denn ihre Meinung ist scheinbar bei einigen Arbeitgebern sehr gern gesehen. So ist eine solche geistig umnachtete Person in einer Schule in der Nähe verantwortlich, dass Kinder korrekt ihre Masken tragen, während sie breit in der Öffentlichkeit den Widerstand proklamiert und noch am Tag vor der Schulöffnung im Land eine Feier mit Freunden veranstaltet. Später wurde sie von ihrem Arbeitgeber noch zum Corona-Beauftragten gemacht. Leider wissen die Eltern, die ihre Kinder dort hin schicken und auf den korrekten Umgang mit der Krise hoffen müssen nicht, dass hier der Bock zum Gärtner gemacht wurde.

Währenddessen werden Menschen mit Risiko von einem christlichen Arbeitgeber dazu genötigt, wieder arbeiten zu gehen. Nicht gebeten, sondern vor ein Tribunal zitiert und dort auf menschlich unterster Stufe unter Druck gesetzt. Wenn man Arbeitnehmer nicht kündigen kann und sie gerade nicht arbeiten können, probiert man es also mit dem guten alten Mobbing. Schön, wenn christliche Moralvorstellungen in kirchlichen Organisationen so gelebt werden. Und es ist auch keine quere Einzelmeinung im Haus, es betrifft dabei sogar die oberste Stelle. Allerdings ist sowas auch zu erwarten. Wo ein mystischer Gott an erster Stelle steht, ist Menschenverachtung nicht fern.

Währenddessen experimentiert die Landesregierung mit seinen Bürgern und Beamten und wäscht dabei die Hände in Unschuld. Es ist praktisch, wenn es in dieser Zeit immer einen „Experten“ gibt, der die eigene wirtschaftspolitische Seite unterstützt. So kann man sich stets darauf berufen, dass man die Entscheidung nicht ohne Ratgeber getroffen hat, sollte es dann doch schief gehen und Menschenleben kosten.

„Aber Chris, eigentlich wolltest du doch über dein eigenes Monster schreiben?!“

Danke liebe erfundene Leserstimme! Genau… ich werde selber zum Monster. Je tiefer die Abgründe, in die ich da draußen blicke, desto extremer wird nämlich mein eigener Standpunkt. Nach diversen Beispielen, dass man in der Außenwelt niemandem trauen kann, verliere ich nämlich die Zuversicht und Hoffnung. Meine ohnehin großen Probleme mit der Menschheit werden gerade gefüttert und entwickeln sich zu einer amorphen Masse aus Ekel und Abscheu, die mich ganz und gar gefangen nimmt. Ich merke, wie ich mit kaum jemandem kommuniziere. Mein Twitter ist still, mein Whatsapp seit zwei Wochen nicht mehr geöffnet. Ich sitze hier und werde stiller und verärgerter. Ich habe Angst – Existenzangst – und diese zieht immer gewaltigere Kreise, während meine Welt kleiner und verbitterter wird.

Erinnert ihr euch daran, wie wir uns gegenseitig Mut gemacht haben? Wie man sich gegenseitig zum Durchhalten animiert hat – nicht weil man selber gefährdet war, sondern man dies für andere tat? Das ist nur 15 Wochen her, aber jetzt wird der Sommerurlaub wichtiger. Und still und leise wird das kleine Monster in mir fetter und grimmiger.

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1 Comment

  1. Stef 22. Juli 2020 at 7:05

    Lieber Chris, ich kann Dich so gut verstehen – mir wird inzwischen auch angst und bange. Mein Verhältnis zu anderen Menschen war noch nie einfach, und diese Situation triggert mich sehr. Ich habe Deinen heutigen Twitter-Beitrag gelesen und kommentiert – es ist sehr schade, es tut mir leid, und ich wünsche Dir alles erdenklich Gute. Ich hoffe, Du lässt den Blog hier stehen und gibst mal Laut :-). Die Menschen, die Du oben beschreibst, sind laut, aber es gibt eben auch uns, und nicht zu knapp!

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