Im neunten Monat – ein Lebenszeichen

Andere Menschen schaffen es, in dieser Zeit ein Kind zu zeugen und auf diese Erde zu bringen – ich bin im neunten Monat in Isolation. Ich bin ein Zeitreisender, denn ich bewege mich ausschließlich durch die Zeit und nicht mehr durch räumliche Dimensionen. Ich habe den Winter durch mein Fenster verabschiedet, den Frühling beobachtet, den Sommer draußen strahlen gesehen und nun erlebe ich den Herbst. Draußen. Unerreichbar. Ich habe zwei Hamster zu Grabe getragen und einen winzigen Babyhamster zu einem vollwertigen Mitglied dieses Haushalts großgezogen. Und glücklicherweise bin ich hier nicht ganz alleine und habe die Möglichkeit, mich zu unterhalten und menschlichen Kontakt zu erleben. Ich bin mir sicher, dass es da draußen auch andere Fälle gibt, die nicht so gesegnet sind.

Ich bin im neunten Monat, kann aber gar nicht sagen, ob mein Bauch schon größer (als ohnehin) geworden ist, doch meine Panikattacken, meine Sorgen, meine körperlichen Probleme – alles ist gewaltig gewachsen. Während ich im letzten Winter noch gut eingestellt war bei meiner Medikation, fehlt mir jetzt meine Basistherapie. Ich will es mir kaum eingestehen, doch verschlechtert sich mein Zustand merklich, seitdem ich die Infusionen nicht mehr bekomme. Aber ich will mich nicht beklagen – mir geht es hier viel besser und ich bin viel sicherer, als es unzählbar vielen Menschen auf dieser Welt gerade geht. Wir haben hier eine Infrastruktur, die es mir erlaubt, in Isolation zu leben. REWE Lieferservice für die Einkäufe, Flaschenpost für Getränke und Amazon für die sonstigen Bedürfnisse, machen es möglich, keinen Schritt aus der Wohnung zu tätigen. Leider gibt es diese grandiosen Errungenschaften der modernen Zivilisation nicht flächendeckend, so dass sogar in Nachbarstädten von Düsseldorf, dies schon nicht mehr funktioniert. Man könnte annehmen, dass neun Monate ausreichen, auf eine Pandemie zu reagieren, doch leider hält man lieber an bestehende, unzureichende Strukturen fest, als die Chance zu nutzen, in der Neuzeit anzukommen. Leider lamentiert man lieber über Einschränkungen und wehrt sich gegen Schutzmaßnahmen, als dass man die gleiche Energie nutzt, kreativ und flexibel auf Fakten zu reagieren. Neun Monate reichen nicht einmal aus, der besonders unflexibelen Gattung der Lehrer, den Umgang mit neuen Medien beizubringen – was nicht verwundert, da einige im Jahr 2020 sogar noch Probleme haben, einen Overheadprojektor einzuschalten oder den Schul-VHS-Videorekorder zu bedienen. Da hört man dann Geschichten, dass Tools für den Fernunterricht nicht installiert werden können, weil man panische Angst vor Cookies hat und daher lieber im Lehrerzimmer zusammenkommt, gemeinsam Pizza bestellt und überhaupt kein Konzept von Viruserkrankungen besitzt. Während also ein kompletter Mensch gezeugt wird und sich von einer Eizelle zu einem unsagbar komplexen Organismus entwickelt, schaffen es andere nicht, einen Computer einzuschalten. Wenn mir die Pandemie eines gebracht hat, dann ein tiefes Verständnis für Verschwörungstheoretiker… ich kann langsam nicht mehr glauben, dass Menschen auf dem Mond waren. Die geistige Kapazität, so ein Unterfangen auf die Beine zu stellen, ist scheinbar nicht wirklich im Menschen vorhanden.

Inzwischen hat mein Rückzug die finale Phase erreicht. Die hinterste Ecke meiner Wohnung ist der Ort, an dem ich bin (wenn mich die Notdurft nicht flink durch die Wohnung taumeln lässt – immer im letzten Moment, herausgezögert, bis nichts mehr geht). Ich schreibe kaum mehr mit meinen Mitmenschen, bin sogar auf Twitter seit Wochen(?) nicht mehr gewesen. Irgendwie blende ich alles außerhalb dieser Wohnung aus, bis auf den Blick auf die Bäume vor meinem Fenster – den einzigen Indikator dafür, dass meine Zeitreise noch immer anhält. Ich bin gespannt, wo diese Reise noch hinführen wird, doch bezweifele ich langsam sehr stark, je wieder zurück in die Gesellschaft zu kommen – es ist wahrscheinlicher, dass mein dicker Bauch schwanger ist und in weiteren neun Monaten ein Kind gebärt. Oder dass Lehrer im 21. Jahrhundert ankommen…

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1 Comment

  1. Carolin Fischer 14. November 2020 at 20:09

    Lieber Chris, wir hatten uns mal kurz über Twitter geschrieben. Schön von Dir zu lesen, halte durch in dem ganzen Wirrwarr. LG aus Leipzig von Carolin

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