Jahresrückblick – 2018 war… interessant

Es ist soweit. Auch ich werde mich mal an einen Jahresrückblick wagen. Zwar habe ich nicht wirklich eine Ahnung, wie man sowas in einem Blog macht, doch probiere ich es einfach mal. 2018 war irgendwie interessant. Gefühlt bin ich nie wirklich aus einem Schub heraus gekommen. Ich schlidderte im Winter in meinen ersten, hatte nach meiner OP im Frühjahr den nächsten, dann kam aufgrund der Hitze ein lange währender Pseudoschub und schließlich schloss der Herbst mit dem heftigsten Schub bislang ab. Aber wenn ich genauer überlege, gab es dazwischen schon auch Raum zum Atmen und gerade diese Schubdichte hat mir viel von meinen Sorgen und Ängsten genommen. Am Anfang habe ich mich gefragt, ob ich einen Schub auch rechtzeitig erkenne und war mir nicht sicher, was nach so einem Schub bleiben wird. Jetzt weiß ich, dass ich den Schub nicht übersehen kann. Die Symptome sind bei mir irgendwie so deutlich und klar, dass ich keine Chance habe, ihn nicht zu bemerken. Ich kenne meinen Körper inzwischen und habe schon ein Gespür dafür, was wahrscheinlich zu einem bleibenden Schaden wird. Aber all das ist nicht schlimm. Das Leben geht weiter. Ich schaffe es auch mit den größten Einschränkungen, weiter glücklich zu leben. Schließlich habe ich einen guten Arzt, der mir in jeder Situation durch die Herausforderungen hilft und darauf bedacht ist, mir die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Im Grunde ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus dem letzten Jahr ziehe: Ein guter Arzt ist goldwert. Ein Arzt, zu dem man Vertrauen hat, der in einem nicht nur eine Patientennummer sieht, sondern einen fröhlich begrüßt und weiß, was in einem vorgeht. Dafür bin ich sehr dankbar.

2018 war eine Zeit der Abschiede. Dabei ist ein Abschied wirklich einschneidend. Ich verabschiede mich von meinem Traumberuf. So gerne ich weiter arbeiten würde, so wenig schaffe ich es noch. Die Hände spielen nicht mehr mit und die filigranen Arbeiten bei Bildern und Grafiken gehen mir nicht nur schwerer von der Hand, sondern sind teilweise schlichtweg unmöglich. Früher konnte ich mit einem digitalen Zeichenstift arbeiten, dann ging es nur noch mit der Maus (und jeder, der diese Arbeit kennt wird wissen, dass man mit der Maus nicht wirklich zeichnen kann) und schließlich ging es gar nicht mehr. Aber schlimmer noch: Ich kann mich nicht mehr für Stunden konzentrieren. Mein tägliches Kontigent an Kraft ist schneller aufgebraucht, als es mir lieb ist.

2018 war ein Jahr voller Begegnungen. Neue Menschen, die in mein Leben getreten sind – manchmal als zufällige Begegnung in Krankenhäusern, manchmal über soziale Medien. Begegnungen, die mein Leben beeinflussen. Ich war nicht immer so gut in sozialen Kontakten und noch immer habe ich meine Herausforderungen damit. Ich kann schlecht Kontakt halten – manchmal bricht er ab und ich kann nichts dagegen machen. Ich kann schlecht Kontakte knüpfen und meine Kommunikation ist manches Mal ziemlich bescheiden. Aber ich arbeite an mir und bekomme ganz viel Hilfe von so vielen lieben Menschen. Somit begegne ich auch dem neuen Jahr mit sehr viel Zuversicht, dass ich noch mehr Menschen kennenlerne und einen kleinen Eindruck bei ihnen hinterlasse.

2018 war ein Jahr des Lachens. Ob mit Freundin, Familie oder Bekannten – ob über Situationskomik, über kleine Unfälle, die ich mit meinem Rollstuhl hatte, über lustige Memes im Internet oder einfach, weil es mir im Herzen gut geht. Ich habe selten so viel gelacht, wie in diesem Jahr. Und wieder ist das eine dieser seltsamen Dinge bei meiner Krankheit. Mir ging es noch nie so schlecht, wie es mir im Moment geht. Gleichzeitig ging es mir aber auch nie so gut. Ich habe soviel Ruhe und Ausgeglichenheit bekommen (auch wenn manche Menschen sicherlich das Gegenteil behaupten), dass ich mich total auf das Leben konzentrieren kann. Denn mein Leben bietet mir so viel schönes und lustiges. Im Krankenhaus habe ich erlebt, dass man selbst in den bescheidensten Situationen noch einen Grund findet, jemanden zum Lachen zu bringen. Damit meine ich nicht nur mich, der anderen ein Lächeln auf die Lippen zaubert, sondern auch all die wundervollen Menschen, die sich (teilweise auch nur kurz) in mein Leben geschlichen haben.

2018 war ein Jahr des Weinens. Manchmal ganz alleine für mich. Wenn ich abends in meinem Bett lag und die Schmerzen so schlimm wurden, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Manchmal mit anderen Zusammen, die mir dann Halt geben konnten. Ich weiß nicht genau, ob es das Jahr der meisten Tränen in meinem Leben war – glücklicher Weise erinnert sich das Gehirn so selten an diese schlimmen Momente – aber es waren verdammt viele Tränen, die aus meinen Augen kamen. Ich konnte Weinen, um mir selber leid zu tun. Ich konnte weinen, weil ich damit meine Trauer über Situationen befriedigen konnte – aber ich konnte auch weinen, um einmal alles heraus zu lassen und meine Seele frei zu spülen. Tränen sind nichts schlimmes, oftmals können sie sehr befreiend sein.

Was 2018 aber auf keinen Fall war: Ein Jahr der Verzweiflung. Ich bin nicht zerbrochen an der Last, die sich manchmal auf meine Schultern legt. Ich kann immernoch aufrecht stehen… ähm… sitzen? Aufrecht sitzen ist kein geflügelter Begriff, aber vielleicht sollte man ihn aus Gründen der Inklusion einmal einführen. 😀 Ich konnte auf jeden Fall meinen Kopf aufrecht halten und das nicht nur, weil mir meine Halswirbelsäule im April mit Titan versteift wurde. Ich bleibe stark. Nicht nur für mich, sondern auch für alle in meinem Umfeld und jeden, der mal ein positives und liebes Wort braucht. Ich möchte nämlich etwas von meiner Stärke zurück geben. Ich habe soviel Sträke in meinem Leben von anderen Menschen geschenkt bekommen und teilweise nicht verstanden, wieviel Kraft das den anderen Menschen gekostet hat. Und jetzt brauchen viele Menschen einfach einmal meine Kraft und ich gebe sie gerne. Mit jedem neuen Hindernis in meinem Leben, bekomme ich nämlich mehr davon. Vielleicht ist das ja so, wie mit Muskeln. Je öfter man sie beansprucht, desto mehr werden sie trainiert. Ganz häufig muss ich meine Kraft nicht einmal abgeben. Es inspieriert Menschen, wenn ich von meinen Hürden erzähle. Auch von meinen Schwächen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ich fühle mich nicht ganz so nutzlos.

Was wünsche ich mir denn eigentlich für 2019? Diese Frage stelle ich mir nun seit ein paar Tagen. Irgendwie wünsche ich mir für mich, dass ich in einem Jahr immernoch den gleichen Status Quo habe, wie jetzt. Seltsam ist das schön – ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mir einmal für meinen Leben etwas wünsche, das so behindernd und schmerzhaft ist, wie mein Leben zur Zeit. Doch wäre ich froh, wenn das nächste Jahr einfach mal ohne Schübe vergehen würde. Dass nicht neue Einschränkungen dazu kommen und ich etwas Ruhe finde. Mein neues Medikament wird mir hoffentlich dabei helfen, aber falls es nicht wirkt, bin ich mir sicher, dass ich es dennoch schaffen werde. Ich bin stärker, als ich jemals gedacht habe und dieser Gedanke macht mich auch ein wenig stolz. Heute schrieb mir eine liebe Person auf Twitter, dass es nichts bringt darauf zu warten, dass es ein tolles Jahr wird. Ich solle mir einfach selber ein tolles Jahr machen. Damit hat sie so Recht. Nicht das Schicksal bestimmt, wie das nächste Jahr wird: Es sind wir selbst, die es in der Hand haben. Jeder für sich, aber auch jeder für die anderen. Achtet alle auf euer Umfeld. Versucht jeden Tag jemand anderen zum Lächeln zu bringen – egal auf welchem Wege. Seid nicht die Hürde im Leben anderer, sondern die Leiter! Wenn wir alle etwas mehr auf andere Menschen achten, wird nicht nur unser eigenes Leben, unser eigenen Jahr 2019 zu einem wundervollen… dann wird jeder in einem Jahr sagen können: 2019 war interessant, aber schön!

Ich danke euch allen, dass ihr meinen Blog lest, ihr mir Feedback, Kritik oder Anregungen gebt. Danke, dass ihr Interesse an meinem Leben habt, aber auch mir einen Einblick in euer Herz gebt. Ich glaube, dass ich nicht wirklich gut darin bin, einen Jahresrückblick zu schreiben, aber vielleicht findet ihr dennoch etwas in diesem Text, das euch anspricht. Ich freue mich auf das nächste Jahr mit euch. Rutscht gut hinein und lächelt – nicht nur zum Jahreswechsel! Bleibt unheilbar gut!

 

Euer Chris

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2 Comments

  1. manuela 30. Dezember 2018 at 14:06

    moin, lieber chris !

    das hast du wundervoll geschrieben. und es zeigt mir wieder, wie klein meine eigenen problemchen sind und dass man mit etwas mut und optimismus viele hürden überwindet .

    ich bin froh, wenn ich dieses jahr abhaken kann und werde mich an deinen rat halten, mir selbst ein schönes neues jahr zu machen.

    jetzt – mit 61 – fällt mir vieles leichter – zb mich von menschen zu trennen, die mir nicht gut tun, weil sie krafträuber sind . viele haben mich endlos vollgelabert, aber nie gefragt, wie es mir denn geht. solche leute brauche ich nicht mehr.

    ich habe – so wie du – auch viele nette leute in den social media kennengelernt – die sind mir teilweise näher als die leute um mich herum.

    mit vielen aus der reha habe ich noch kontakt. wir bauen uns gegenseitig auf und lachen viel miteinander.

    bewahre dir deinen blick und deine einstellung zum leben, ich drück dir alle daumen, dass es bei dir zumindest nicht schlimmer wird und du keine schmerzen leiden musst. ein hoch auf deinen tollen arzt !!!!

    alles liebe aus hamburg!
    manu

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  2. Werner 30. Dezember 2018 at 16:44

    Lieber Chris, Du KANNST einen Jahresrückblick schreiben!
    Das hast Du hier getan. Vielen Dank für die Zeilen. Du hast mich zum lächeln gebracht. Ich kenne Dich und ich erlebe Dich – und wenn Du es dann trotzdem noch schaffst, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, dann kannst Du stolz auf Dich sein! Ich bin es! Dein Papa

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