Kuuuhle Gespräche

Jetzt bin ich ein paar Tage aus dem Krankenhaus heraus und merke, dass ich das ganze dort irgendwie vermisse. Nicht die Untersuchungen, das Essen dort oder die Nadeln, die ständig in mich hineingepiekt wurden, sondern vielmehr die Gespräche mit den anderen Patienten. So ein Krankenhaus ist wie eine gigantische Selbsthilfegruppe, bei der zwar alle etwas anderes haben, aber dennoch gegenseitig Mut machen können. Ich merke dabei, wie wenig “gute” Gespräche man so im Leben führt. Sicherlich unterhält man sich, berichtet von den neusten Erlebnissen, von der Arbeit, von den Gedanken, die man hat – und doch bleiben immer wieder Dinge auf der Strecke. Ich möchte zum Beispiel niemanden mit meinen ständigen Wehwehchen belästigen, will nicht immer anderen Menschen damit auf den Geist gehen, dass ich etwas spüre, das ich nicht mag, oder dass ich etwas erlebe, das ich so nicht kenne. Ich mag nicht über meine Ängste sprechen, denn irgendwie will ich ja niemanden mit in meinen inneren Sumpf ziehen. Und doch sind gerade solche Gespräche so wichtig.

Im Krankenhaus habe ich Menschen getroffen, die aus meiner Sicht allesamt schlimmer dran waren als ich. Die allesamt Krankheiten hatten, die ich im Leben nicht haben möchte. Aber jeder von denen strahlte eine Zuversicht aus. Egal wie schlimm die Situation war, wir hatten alle zusammen Spaß. Ich hatte einen wundervollen Zimmernachbarn. Mit ihm konnte ich mich nicht so gut unterhalten, da er kurz vorher einen Schlaganfall hatte. Doch unsere kleinen Gespräche gingen über mehrere Ebenen. Er versuchte etwas zu formulieren, ich versuchte ihn zu unterstützen und mit Gesten und Mimiken konnten wir uns gut verstehen. Er war ein ganz wundervoller Mensch und immer wenn ich ihn gesehen habe, hat er mich angelächelt. Dieses Lächeln, diese Augen werde ich mein Leben nicht vergessen und es ging mir jedes Mal sehr nahe. Er hatte seine ganz eigenen Ängste und Herausforderungen. Kam immer wieder an Grenzen, die er so vorher nicht kannte und die ihm sichtlich “weh” taten – nicht körperlich, sondern seelisch. Und dennoch schaffte er es, mich aufzubauen und mir Mut zu machen. Ich weiß, dass seine Frau meinen Blog liest und daher grüße ich euch auch hier ganz lieb und sag nochmals “Dankeschön!”

Es heißt ja: Lachen ist die beste Medizin. Ich habe erlebt, wie wir vor dem Krankenhaus saßen am Abend und die ganze Zeit gelacht haben. Jeder von uns hat Scherze über sich selbst gemacht und über die anderen. Es war ein total befreiender Umgang mit den Krankheiten und Behinderungen. Jeder von uns konnte so etwas Leichtigkeit bekommen. Es klingt vielleicht doof, aber ich konnte in dieser Situation sehen, dass es alles auch schlimmer geht. Ich habe schon ein paar Mal erwähnt, dass mein Gehirn mir immer wieder sagt: “Du hast doch nichts!” und dieses Gefühl wurde wieder verstärkt. Ich kann glücklich sein mit all meinen Einschränkungen und sollte es noch irgendwie schlimmer kommen, dann werde ich zu diesem Zeitpunkt auch wieder Spaß haben können, frei sein können und das Leben genießen.

Egal ob man krank ist oder gesund: Solche Gespräche sind wichtig. Gespräche, die uns einen Spiegel vorhalten und in dem wir uns wieder neu einsortieren können. Zusammen lachen und nicht Angst haben müssen, dass jemandem das Lachen im Hals stecken bleibt. Sich selber nicht zu ernst nehmen und akzeptieren, dass es andere auch nicht tun. Mir hat das sehr geholfen und es hilft mir auch weiterhin. Jetzt hab ich eine neue Stufe meiner Krankheit erreicht, neue Symptome bekommen, die nicht mehr weggehen und ich werde viel mehr im Blick behalten, dass ich anderen Menschen wahrscheinlich nicht auf den Geist gehe, wenn ich darüber rede, sondern auch ihnen helfe, ein Stück Glück zu erleben.

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1 Comment

  1. Carla 21. September 2018 at 15:16

    Du bist ein ganz wunderbarer Mensch, lieber Chris!
    Dass Du so schreiben kannst, so ehrlich so offen so lustig, ist eine ganz besondere Gabe.
    Du machst mir ganz viel Mut. Und natürlich werde ich ihm Deinen Blog vorlesen. Er wird den Inhalt nicht so verstehen, aber den Sinn.
    Dankeschön.
    Wie schön, dass wir uns kennengelernt haben!!!
    Außerdem hoffe ich, das ganz viele Menschen von Deinem Blog profitieren. Und Du natürlich.
    Liebe Grüße

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