Langsames Auftauchen – oder warum mir die Impfung Angst macht

Es ist soweit, der Messias ist gekommen. Zumindest scheint es mir so, wenn ich die Nachrichten seit Ende Dezember aus meiner Unterwasserbasis verfolge. Zwar macht sich der Messias noch ein bisschen rar, sind zuwenige Ampullen des wahren Erlösers für alle da, doch plant man nun fleißig den nächsten Sommerurlaub in einer Welt ohne Virus, ohne Einschränkungen, ohne ewige Nörgler wie mich. Doch nicht jeder ist davon begeistert, sich eine Dosis Heilsbringer in den Körper jagen zu lassen, auch wenn die Gründe dafür sehr vielfältig sind. Bei mir ist es die Angst vor der „Normalität“. Dennoch habe ich begonnen, meinen langsamen Aufstieg an die Wasseroberfläche zu starten und aufzutauchen. 2020 hat mich ziemlich kaputt gemacht, 2021 muss ich damit leben lernen, doch das kann ich nur, wenn ich mich der Welt stelle.

In den letzten Monaten ging es bei mir stets weiter nach unten. Ich habe mich abgekapselt von der Umwelt und den Menschen und bin zum Ende des letzten Jahres dann sogar komplett abgetaucht und habe mich noch von der letzten Plattform im Internet abgemeldet. Das letzte, konkrete Sichtfenster in die Welt habe ich geschlossen und bin so ziemlich am tiefsten Punkt der Weltmeere angelangt. Tiefer konnte ich nicht tauchen, ohne mich ernsthaft am Erdkern zu verbrennen. Und auch wenn es sich seltsam anhört: das tat sehr gut. Es hat mir gezeigt, in welche Richtung es jetzt gehen muss. Die einzige Richtung, die übrig geblieben ist. Nach oben.

Eigentlich sollte mir da ein Impfstoff doch in die Karten spielen, oder? Schließlich verhindert die wütende Pest gerade, dass ich mich meiner Panik vor Menschen stellen kann. Wäre jeder da draußen geimpft, gäbe es nicht zusätzlich die Barriere der Ansteckungsgefahr, könnte ich mit einer Konfrontationstherapie beginnen. Wie bei Spinnen und Arachnophoben. Doch wenn jeder geimpft ist, hat auch keiner mehr ein Verständnis dafür, dass ich das Haus nicht verlasse. Praktischer Weise vermutet gerade jeder, dass ich wegen der Corona-Seuche das heimische Umfeld hüte und niemanden rein lasse. Dieser Grund wird auch von allen verständnisvoll akzeptiert. Doch ohne die Gefahr auf den Straßen – welcher Grund bleibt dann? Ich bin so schon die Minderheit, gehöre so schon zu den Extremen in dieser Pandemie – ginge ich danach auch nicht raus, wär ich noch mehr alleine mit meiner Position. Dann erkennen die Menschen, wie verrückt ich geworden bin.

Es beginnt nun ein Wettlauf. Wird ihn BioNTech gewinnen und erkennen, dass es nicht reicht, sein Wundermittel zu bewerben, sondern es auch in ausreichendem Maße produziert werden muss? Werde ich aus den tiefen des Meers der Stille (nein nicht das auf dem Mond) auftauchen und wie ein fröhlicher Wal prusten, ehe meine Einladung zum Impfen ankommen wird? Zwei Mal habe ich es inzwischen geschafft, zumindest schonmal in den Hausflur zu gehen- ganz tapfer, mitten in der Nacht und mit einem Fluchtplan im Kopf, falls doch jemand kommt. Allerdings ist dies nun auch wieder 25 Tage her und ich sitze feige auf meinem Pflegebett und entschuldige meinen fehlenden Mut mit allerlei vorgeschobenen Ausreden. Zumindest probiere ich es wieder, ein Bild zu malen. Auch etwas, das ich seit Monaten nicht konnte. Es ist ein Anfang. Glaube ich.

Nachdem ich nun über alles geschrieben habe, das mir momentan auf der Seele liegt, muss ich aber noch eine Sache ganz klar sagen. Etwas, das man vielleicht falsch verstehen könnte und dem ich entschieden entgegen wirken muss. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Impfstoff, trotz seiner übereilten Genehmigung und fehlenden Langzeitforschung, wichtig und wirksam ist. Menschen mit Vorerkrankungen sollten vielleicht noch ein bisschen abwarten und aus meiner Sicht wäre es auch sinnvoller gewesen, gesunde, junge Menschen als erstes zu impfen, doch impfen ist enorm wichtig. Jeder gesunde Mensch sollte schnellstmöglich gehen und dieser Pandemie damit ganz flink ein Ende bereiten. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Impfstoff nicht nur wirksam ist, sondern auch zum größten Teil sicher für die gesunde Bevölkerung. In ein paar Monaten gibt es auch so viele Erkenntnisse, dass es für vorerkrankte Menschen sicher sein wird. Vielleicht haben wir alle eine reale Chance, dass wir später dieses Jahr mit einem blauen Auge eine neue Normalität finden können. Also: Jeder der kann geht bitte bitte zur Impfung und hält danach weiterhin tapfer Abstand. Für alle Mitmenschen, egal ob alt, vorerkrankt, Kind, Erwachsener oder systemrelevant…

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