Mein persönlicher Lockdown

Während sich Deutschland nach ausgedehnten Urlaubsreisen während einer Pandemie fragt, wieso um alles in der Welt plötzlich von einem erneuten Lockdown geredet wird und scheinbar die Fähigkeit zum logischen Denken 2020 ausgesetzt hat, erlebe ich meinen Lockdown nun im 6 oder 7 Monat. Ich zähle nicht mehr und versuche das Gefühl zu verdrängen, das ich habe, weil ich meinen Sohn nun seit Anfang März nicht mehr gesehen oder gedrückt habe. Obwohl… es ist falsch was ich schreibe – vor ein paar Tagen stand er unten vor meinem Fenster und wir konnten ein wenig quatschen. Das tat gut, bis darauf, dass ich sogar Angst vor meinem Sohn habe. Nicht direkt vor dem kleinen Puschel, aber Angst davor, ihn näher heranzulassen. Also lassen wir das vorerst lieber.

Nun gehen also in NRW die Schulen wieder los und das rechtzeitig, um die im Sommer gewonnenen Viren auch schön quer durch die Bevölkerung zu verteilen. Sollen doch alle etwas davon haben. Ich habe mich auch getäuscht: In Deutschland leben nicht Egoisten… ganz im Gegenteil. Das fröhliche Teilen von tödlichen Krankheiten scheint ein so hohes Zeichen, persönlicher Freiheit zu sein, dass ziemlich schlaue Menschen sogar auf den Straßen protestieren. Letzthin habe ich es gewagt, das ziemlich bekannte Video einer Journalistin auf dem Berliner Corona Protest zu schauen und es war erstaunlich. Das habe ich einen IQ von 165 erlebt. Also verteilt auf über 10.000 Protestler. Doch wo ich vor einigen Wochen wahrscheinlich mit meiner ziemlich schmutzigen Wortwahl geglänzt hätte, war es diesmal nur noch ein Lachen. So eine Veranstaltung könnten sich nichtmals die besten Comedians ausdenken und es war lustiger als der Karneval hier im Rheinland.

Interessant ist auch die Auslegung eines Begriffs, wie „Freiheit“. Dafür gehen menschliche Amöben auf die Straße und demonstrieren nicht nur ihren überlegenen Intellekt, sondern auch ihre ganz eigene Sprache. Freiheit bedeutet für diese Menschen: „Na wenn du Angst hast, dann schließe dich doch im Keller ein!“ Solche Aussagen sind mit ein Grund, warum ich mich inzwischen aus allen sozialen Medien zurückgezogen habe. Während ich ansonsten liebend gerne Nazis vorgeführt und ihre Stupidität öffentlich angegriffen habe, schaffe ich es einfach nicht, dieses neue überwältigende Maß an Dummheit zu ertragen. Und ja, ich ziehe inzwischen Nazis diesen Covidioten vor. Nazis hitlern nämlich nur lautstark rum, sind ansonsten aber eher harmlose Minderbemittelte – diese Corona-Leugner und Maskengegner sind leider lebensgefährlich.

Erschreckend an diesem ganzen Zirkus ist, dass diese Denkverweigerer in unserer Mitte sind. Im Bekanntenkreis glänzen sie manchmal und man darf ihnen nicht zu drastisch entgegen treten, denn sonst ist man nach der Pandemie alleine auf weiter Flur. Es sind Lehrer an unseren Schulen, die gerade am heutigen Tag fröhlich ihre Urlaubsstories auf ihren Konferenzen zum neuen Schuljahr teilen und fleißig darstellen, wie toll es ist, im Ausland keine Maske tragen zu müssen. Es ist der Nachbar auf der Straße, der einem gedankenlos zu nahe kommt und dann echauffiert ist, wenn man ihn etwas barsch auf Abstand hält. Wo sich früher der Dorfdepp gerne selbst als solcher zu erkennen gab, ist es inzwischen salonfähig, ein Dorfdepp zu sein. Und durch diese Normalität der Dummheit, erkennt man die Gefahr nicht so offensichtlich. Die nette Omi ist dabei genauso bedrohlich, wie der nervige Abiturient.

Vor ein paar Wochen habe ich meine Isolation unterbrochen und bin trotz meiner Panikattacken raus gegangen. Mitten in der Nacht – Komet gucken und fotografieren. Es war so schön und gleichzeitig so unglaublich erschreckend, bedrohlich und Panik auslösend. Ich konnte ein paar schöne Bilder machen… das wird für die kommenden Monate reichen müssen. Leider ist die Welt da draußen nicht mehr mit mir kompatibel und ich bin draußen nur der unfreundliche Idiot, der aus heiterem Himmel Abstand zwischen sich und seinen Mitmenschen halten will. Es waren ALLE total überrascht über mein Argument „Corona“… einige lachten.

Nunja, die Zahlen in Deutschland geben mir Hoffnung. Eine steigende Neuinfektionsrate bringt uns näher an einen neuen Lockdown. Ein Lockdown gäbe, so seltsam das klingt, mir endlich die Chance mit einem einigermaßen sicheren Gefühl das Haus zu verlassen. Aber wahrscheinlich wird das Wunschdenken bleiben und unsere Landesregierung wird alles tun, um die Infektionsgründe kleinzureden und weiterhin alles geöffnet zu lassen.

Wahrscheinlich liest diesen Beitrag niemand, da ich ihn nicht auf den sozialen Medien verbreiten kann und wenn, dann wird wahrscheinlich niemand bis zu diesem Punkt lesen. Es geht mir ja selber schon auf den Keks, immer nur rumzunöhlen. Lieber würde ich mal wieder malen und etwas Farbe unter die Leute bringen, doch schaffe ich das noch nicht. Dennoch will ich hier ein kleines Geheimnis verstecken – vielleicht als kleine Belohnung für die, die vielleicht doch bis hierher gelesen haben: Mir geht es wundervoll! Naja, nehmen wir die Auswirkungen und Nachwehen meines Schubs mal raus und die sehr starken Panikattacken, aber hier zuhause – hier in meiner beherrschbaren Sicherheit – hier geht es mir gut. Ich habe viel, das mich positiv beschäftigt, lache viel, bin selten traurig und erlebe spannende Dinge. So ein Lockdown, selbst einer, der nun über ein halbes Jahr lang besteht, muss nämlich nicht der Weltuntergang sein und das Wissen, dass ich die Krankheit nicht aus egoistischen Gründen verbreite, gibt mir persönliche Karma-Punkte bis ins Nirvana!

Passt bitte weiter auf euch auf. Egal, ob ihr alles etwas lockerer seht, egal ob ihr trotz Seuche in den Urlaub fahren müsst, egal ob ihr in der Maskenpflicht eine Folter unserer Regierung und der Pharmaindustrie seht – passt einfach auf euch auf. Aber noch wichtiger: Passt auch auf die Menschen auf, die gerade nicht das Glück haben, für ihre Freiheit protestieren zu können.

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2 Comments

  1. Manuela Golz 10. August 2020 at 19:09

    Lieber Chris, es freut mich zu hören, dass Du trotz Deiner selbstgewählten “Quarantäne” gut drauf bist und auch lachen kannst.
    Deine Ängste kann ich sehr gut nachvollziehen – Du gehörst zu einer Risikogruppe und bist eh ‘angeschlagen’ und da muß man einen großen Bogen um Viren machen. Oder zuhause bleiben.

    Wie schön, dass Du mit Deinem Sohn sprechen konntest, da wart ihr bestimmt sehr glücklich….

    Und ist es nicht toll, dass wir uns Lebensmittel etc direkt ins Haus liefern lassen können ?

    Die demonstrierenden Idioten gehen mir auch zunehmend auf den Geist. Schwurbel-Verschwörungsspinner und Menschen, die andere gefährden, sollte man direkt von der Straße holen. Aber ist ja leider nicht umsetzbar.

    Ich freue mich darauf, von Dir neue Farben zu bekommen und hoffe, dass Du bald wieder für uns malst !

    Nun bin ich erstmal mit meinem Umzug beschäftigt (am 14.8.) und wenn ich dann wieder Internet habe (touch wood), werde ich bestimmt wieder tolle und bereichernde Blogs von Dir lesen.

    Bis dahin – bleib gesund und halte die Ohren steif !

    GLG von Manu

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  2. Katja 12. August 2020 at 21:58

    Schön, dich zu lesen 🙂 und dass du lachst … und rausgehst zum Fotografieren … das mach ich auch mal.

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