Nein, nein, nein, nein, nein!

Die MS ist in meinem Leben nicht das einzige was zählt. Heute muss ich politisch werden, da die Vorgänge in Chemnitz einfach nur gruselig sind. Ich bin ein großer Freund von freier Meinungsäußerung. Das Recht zu demonstrieren ist ein sehr wichtiges und ich bin froh darüber, dass es in diesem Land möglich ist. Das schließt auch die mit ein, die eine Meinung haben, die ich nicht teile und die meisten anderen Menschen in Deutschland ebensowenig. Und dennoch ist in Chemnitz eine Grenze überschritten worden und eine Partei, die fataler Weise den Einzug in den Bundestag geschafft hat, zeigt immer mehr ihr wahres Gesicht. Haftbefehle, die unter Verschluss sind, werden von offenen und versteckten Neu-Nazis in Umlauf gebracht und der tragische Tod eines jungen Mannes wird von brauner, hirnloser Masse als Anlass genommen, um Jagd auf Einwanderer, Flüchtlinge und anders aussehende Menschen zu machen. Offen wird von Politikern, die ihre braune Gesinnung hinter einer gewählten Partei mehr oder minder verstecken, verlangt, dass unsere Bundeskanzlerin samt Partei gehen muss, damit nur noch die AfD da ist. Und irgendwie hatten wir soetwas schoneinmal in Deutschland. Eine sehr laute, kleine Partei hat so lange geschriehen und gehetzt, bis sie die Macht übernommen hat. Den Ausgang dieses Debakels kennen wir und dürfen wir nie vergessen. Nein, nein, nein, nein, nein!

Im braunen, pöbelnden, lautstarken Mob, der durch die Straßen von Chemnitz zieht, sieht man behinderte Menschen, die mit Flaggen am Rollstuhl, Parolen skandieren. Ist diesen Menschen bewusst, dass sie wahrscheinlich die nächsten sind? So unwahrscheinlich ist das nicht. Irgendwann sind Behinderte nicht mehr gut genug für eine idiologisch aufgepumpte “Rasse”. Deutschland nicht mehr groß genug, um Homosexuelle, Behinderte, Depressive oder anders Denkende zu beherbergen und schon müssen diese weg. Im Moment fordert der braune Mob nur die Ausweisung (und auch dies war früher schon einmal Programm), aber was kommt dann? Ich gehöre inzwischen zu zwei der von mir aufgeführten Minderheiten. Ich BIN depressiv. Ich BIN behindert. Wenn ich diese faschistischen Kleingeister “Wir sind das Volk” brüllen höre, dann wird mir schlecht. Die sind nur hirnlose Krawallmacher, die ohne gescheite Bildung, gefährlichen Nonsense verbreiten. Ich bin das Volk, meine Familie ist es, mein russischer Nachbar, die türkische Nachbarin mit ihren Kindern, der Bauarbeiter, Straßenfeger, Dönerbuden-Besitzer und die Frisörin. Du bist das Volk und deine Freundesliste auf Facebook, deine Follower bei Twitter und die Menschen in den Kontakten deines Smartphones. Zu uns als Volk gehört es, dass wir selber von Flüchtlingen abstammen. Dass wir Flüchtlinge gefeiert haben, als sie eine ebenso idiologisch aufgebaute Mauer überwunden haben. Zu unserem Vollk gehört es, dass wir Mitgefühl mit denen haben, die verfolgt werden, die um ihr Leben fürchten, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. JETZT ist der Zeitpunkt, dass wir als Volk aufstehen und “Nein” sagen zu den Menschen, die ihr faschistisches Gedankengut verbreiten wollen und Rechtsaußen in die Mitte unseres Landes tragen. Wir müssen die verfassungsfeindlichen Geschwüre in unserer Mitte erkennen, egal wie gut sie sich unter einem Deckmantel verstecken und ihnen ebenso lautstark eine Grenze ziehen. Wir müssen jetzt aufklären, wieso vertrauliche Akten an die Öffentlichkeit gelangen können und denjenigen, die unsere Verfassung, unsere Gesetze und Werte mit Füßen treten, einhalt gebieten, egal in welcher Position sie sich befinden.

Was vor Jahrzehnten in diesem Land passiert ist, darf sich nie wiederholen. Als Kind habe ich nie verstanden, wieso ich mich für etwas schuldig halten soll, was meine Großeltern-Generation angerichtet hat, weit vor meiner Geburts. Und das müssen wir auch nicht. Allerdings haben wir alle die Pflicht dazu, die Verantwortung, dass sich sowas nie wieder in unserem Land ereignet. Wir tragen nur dann die Schuld, wenn wir zusehen und schweigen. Jeder von uns kann etwas tun, denn wir alle haben eine Stimme. Wir sind mehr heißt ein Hashtag auf Twitter und der sagt alles aus. Wir sind mehr und wenn wir sprechen, wir ein brauner, skandierender Schandfleck ziemlich klein und leise.

Danke, dass ihr meinen Blog auch heute gelesen habt, auch wenn das Thema einmal ein ganz anderes war. Vielleicht bringt euch das zu Grübeln, vielleicht veranlasst euch das, auch die Stimme zu erheben. Auch wenn es bei all den Katzenbildern und lustigen Videos in den sozialen Medien nicht so aussieht – sie sind machtvoll und durch sie bekommen wir alle eine Stimme, die gehört wird. Zuerst von Freunden in der Freundesliste und schnell verbreitet sich die Stimme so weit, dass sie nicht überhört werden kann. Ich danke euch. Wir alle sind nämlich unheilbar gut gegen Rassismus, wenn wir alle etwas sagen.

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2 Comments

  1. Manfred 30. August 2018 at 12:07

    Ergreifender Aufruf gegen den Hass, unterstütze ich so. Gleichzeitig muss man aber immer wieder auch sagen, dass ein Hochschaukeln auf beiden Seiten den Riss in der Gesellschaft nur vergrößert. “damals” führten u. a. die unklaren Verhältnisse der Weimarer der Weimarer Republik zum Erstarken der Nazis. Heute wird viel Unrecht empfunden und ein Versagen der Politik. Deshalb darf man die Grundlagen nicht vergessen.

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    1. Chris 30. August 2018 at 12:11

      Da stimme ich dir voll und ganz zu. Zu einem Hochschaukeln darf es erst gar nicht kommen. Die Mehrheit muss klar Stellung nehmen und die Politik darf sich jetzt nicht vor einer klaren Stellungnahme drücken. Der Riss darf nicht durch die Mitte gehen, er muss rechtsaußen passieren. Dazu gehört auch eine verständliche Aufklärung der Situation. Wo sind die Berichte darüber, wie gut es eigentlich in Deutschland funktioniert. Wo die Hinweise, wie jeder einzelne die Umstände, die Integration zum Beispiel, noch verbessern kann. Das geht – ich erlebe das selber.

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