Rausgekegelt

In diesem Artikel versuche ich mal etwas anderes. Ich tauche nicht nur tief in die Seele ein, im Versuch Antworten zu erlangen, sondern auch in die Welt der Physik. Ich hoffe, ich schaffe es, ohne dass es zu trocken wird, wenngleich ich ein Prinzip aus der Physik erklären muss. Aber ich habe dazu eine Grafik erstellt und alles wird leichter mit bunten Bildchen.

Da nichts im Universum schneller sein kann als das Licht, gibt es Orte im Raum und Geschehnisse in der Zeit, die von uns kausal vollkommen getrennt sind. Sie können niemals von uns beeinflusst, erreicht oder gar gesehen werden. Physiker sprechen hier von der Kausalstruktur der Raumzeit und wenn man dies graphisch darstellt, sieht man einen Kegel. An der Spitze des Kegels ist man selbst in der Gegenwart, nach oben bewegt sich die Zeit vorwärts und alles befindet sich im Raum. Der Kegel wird zu den Seiten hin durch die Lichtgeschwindigkeit begrenzt und zeigt das Areal im Zeit und Raum, das man erreichen kann, wenn man mit Lichtgeschwindigkeit reisen würde.

Der Verlauf des eigenen Lebens befindet sich also vollkommen innerhalb dieses Kegels und kann unter keinen Umständen etwas erreichen, das außerhalb dieses Bereichs liegt. Da sich der Raum selber immer schneller ausbreitet, gibt es Galaxien, die wir mit Teleskopen beobachten können, Milliarden von Lichtjahren entfernt, die inzwischen außerhalb dieses Kegels liegen. Licht, das diese Galaxien heute aussenden, wird niemals zu uns gelangen und damit liegen diese Galaxien außerhalb unseres sichtbaren Universums. Auch die Gravitation kann den Kegel beeinflussen, so dass man am Ereignishorizont eines schwarzen Lochs die kausale Verbindung zum Rest des Universums verliert. Ich finde das ziemlich spannend, meine Fantasie wird beflügelt und ich versuche mir Dinge zu überlegen, die dieses unumstößliche Prinzip vielleicht doch umgeht oder bricht. Jedoch muss ich gerade gar nicht fremde Galaxien betrachten, um diesen Effekt zu sehen. Und genau wie bei der Raumzeit der Physik, frage ich mich, ob dabei auch alles endgültig verloren ist.

Mein Blog zeigt nunmehr seit 6 Monaten (ja, das halbe Jahr Isolation ist geschafft \o/ ), das Bild einer sich zersetzenden Psyche. Ihr könnt lesen, wie ich voller Hoffnung in die Krise gestartet bin und voller Abscheu nun nicht mehr das Haus verlasse. Vielleicht lest ihr die Enttäuschung in meine Mitmenschen heraus und genau hier liegt die Parallele zu den Galaxien aus meinem Beispiel. Mir scheint, als würden immer mehr Menschen aus meinem Kegel der Kausalität verschwinden, als flöge ich mit maximaler Geschwindigkeit durch einen sich ausbreitenden Raum und plötzlich ist die Distanz zu anderen zu groß, als dass ich jemals wieder zu ihnen könnte. Um mal etwas positiv zu sehen: Das Schöne seit Einstein ist, dass alles relativ ist – ohne Schuldzuweisung kann man nämlich argumentieren, dass entweder diese Menschen wegfliegen oder ich mich fortbewege.

Schon vor Covid19 habe ich mich darüber beklagt, dass sich die Menschen von einander entfernen, weil es keine Mitte mehr gibt. Es bilden sich Lager… entweder man ist kommunistisch links oder faschistisch rechts, entweder Klimaleugner oder Greenpeace-Kämpfer und wenn man einmal eine These formuliert, die nicht an einem der Pole spielt, wird man garantiert von beiden Seiten zerfleischt. Schon hier hat sich der Raum zwischen den Menschen ausgedehnt. Mit Corona haben wir nun die dunkle Energie des Kosmos auf Menschenebene – die Ausdehnung des Raums beschleunigt sich zunehmend. Aber können wir etwas dagegen tun? Gibt es noch eine gemeinsame Zukunft für eine Gesellschaft aus gegensätzlichen Polen? Vielleicht die Tatsache, dass auf Antimaskenpflichtdemos nun Globalisierungsgegner zusammen mit Reichsbürger-Nazis „Lügenpresse“ brüllen? Wird die nächste Krise einfach die Würfel neu werfen und neue Gemeinschaften in der Gesellschaft formen? Entfernen wir uns irgendwann nicht mehr, sondern bilden Galaxienhaufen, die sich ständig entfernen, umkreisen und dann in kosmischen Kollisionen wieder neu vermischen und zusammensetzen immer auf Kosten einiger weniger, die bei dieser Achterbahn aus Anziehung und Abstoßung unwiederbringlich hinausgeschleudert werden? Noch wage ich es nicht, eine Prognose dazu abzugeben, doch gehöre ich wohl immer deutlicher zu den Ausgestoßenen Sternhaufen, den kleinen Inseln in ihrem eigenen Universum, ohne Verbindung zum Rest des Kosmos. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich es jemals wieder schaffen soll, außenstehenden Menschen zu begegnen.

In meiner eigenen kleinen Raumkapsel habe ich noch ein Fenster. Twitter informiert mich und gibt mir eine Form der Kommunikation, die ich im Moment schaffe. Den Rest musste ich ersatzlos streichen. Whatsapp habe ich gelöscht, Facebook und Instagram abgemeldet und ich schaffe es auch nicht, private Nachrichten zu lesen. Vielleicht ist es die panische Angst, noch weitere Enttäuschungen zu erleben?

Vielleicht ist das mein Schutzschild, das ich langsam immer stärker werden lasse. Je mehr ich die Distanz zwischen mir und dem Rest der Welt bemerke, desto schneller scheine ich alle Kontakte auf Eis zu legen. Und wenn ihr meint, dass dies so hoffnungslos klingt, dann liegt es wohl daran, dass ich keine Hoffnung mehr habe. Mal sehen, wohin die Reise noch so geht – mein kleines Logbuch hier wird weiterhin berichten.

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