Schnee unter den Rädern, Glück im Herzen

Der Winter kommt, unaufhaltsam und dennoch auf leisen Sohlen. Zumindest hier bei mir hatte ich noch nicht das Glück, dass eine dicke weiße Schneedecke das kleine Dorf zudeckt und ich Spuren mit meinen Rädern hinterlasse. Aber Glück ist ein gutes Stichwort, denn darüber möchte ich so kurz vor Weihnachten schreiben. Ich brauchte eine kleine Schreibpause, musste in den letzten Wochen ein wenig zu mir selbst finden und das Jahr Revue passieren lassen. Aber jetzt in ich bereit für den Endspurt und möchte euch gerne mitnehmen.

Ich habe großes Glück. Nicht, weil ich ein vortrefflicher Prophet bin – schließlich habe ich vor einem Jahr auf der Weihnachtsfeier meiner Familie vorhergesagt, dass ich dieses Jahr im Rollstuhl ankommen werde – nein, ich habe auf so viele andere Art und Weise Glück. Zum Beispiel mit den Menschen, die mich seit langer Zeit begleiten oder nun neu in mein Leben getreten sind. So viele wundervolle Seelen, dich ich teilweise kurz habe kennenlernen können, teilweise aber schon mein Leben lang an meiner Seite habe. Ich hatte zum Beispiel das große Glück, einen ganz besonderen Menschen kennenzulernen. Sie ist vor nicht ganz einem Jahr an Brustkrebs erkrankt, hat ihren Verlobten in dieser schweren Zeit, in der sie gegen den Krebs, aber auch gegen ihren eigenen Körper kämpfen musste, bei einem Autounfall verloren und hat währen der Quälerei mit Chemotherapie eine Lungenentzündung bekommen, die weitere Behandlungen unmöglich machten. Diese junge und starke Frau hat es dennoch geschafft, durch ihre Worte und ihre Art, so viele Menschen zum Lächeln zu bringen. Ich habe durch sie ziemlich viel Kraft bekommen, auch wenn ich das eine oder andere Mal an meiner eigenen Stärke gezweifelt habe. Vor ein paar wenigen Wochen ist sie eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Es war ein unglaubliches Glück, dass ich sie kennenlernen durfte, denn nun wird sie in meinen Gedanken und meinem Herzen weiterleben. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass man in jeder Situation, so aussichtslos sie auch sein mag, das Lächeln nicht verlieren muss. Es gibt bis zum Schluss etwas, für das man kämpfen kann – etwas, für das man lebt.

Ich habe großes Glück. Auch wenn alles immer sehr lange dauert, so habe ich inzwischen meinen Schwerbehindertenausweis und mein Rollstuhl mit Hilfmotor wurde mir genehmigt. Vielleicht bekomme ich diesen sogar noch vor Weihnachten und kann dann endlich wieder meinen Sohn beim Wettrennen abziehen. Ich wähle dann am besten eine Strecke, die bergauf geht – dann wird der kleine Mann nämlich schneller müde. Aber abgesehen davon, merke ich heute, dass es ein Glück ist, wie schnell ich mich für einen Rollstuhl entschieden habe. Ich kann damit inzwischen gut umgehen, habe viele Muskeln in meinen Armen entwickelt, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gibt. Somit bin ich nicht nur schneller geworden, sondern komme nicht schon nach ein paar Metern aus der Puste und kann nicht weiter fahren. Aber dieser Rollstuhl ist nicht nur ein einfaches Fortbewegungsmittel – es gibt mir etwas Lebensqualität zurück. Als ich im Frühjahr mit meinem Sohn auf einer großen Kirmes war und dort nach einer Weile einfach nicht mehr laufen konnte, hat es mich stark getroffen, nicht mehr alles mitmachen zu können. Jetzt sehe ich, dass ich doch noch alles kann. Ich kann über einen Weihnachtsmarkt rollen, Backfisch essen und mich an den Lichtern und Buden erfreuen. Ich kann fröhlich vor mich hin pfeifen, fröhliche Weihnachtslieder anstimmen und vollkommen in der Vorfreude auf nächte Woche schwelgen. Das Schreckensgespenst “Rollstuhl” von vor einem Jahr, hat sich als großer Segen herausgestellt.

Ich habe großes Glück. Ich bin in einem Jahr zu einem anderen Menschen geworden. So viel hat sich verändert – in mir, in meinem Leben, in meinem Denken. Meine Welt ist langsamer geworden und hat sich meiner Behinderung, meiner Krankheit angepasst. Und das ist gut so. Der Stress der Vergangenheit war ungesund – jetzt kann ich mich auf so viele neue Projekte konzentrieren, ohne dass dieser Stress, die Hast, die Deadlines und Kundenwünsche mir das Leben schwer machen. Ich merke, dass es weiter geht in meinem Leben und es wird nicht schlimmer, es wird auf eine seltsame Art und Weise immer besser.

Jetzt kommt also bald Weihnachten und wenn ich mir eines wünschen darf, dann dass die Menschen in meinem Umfeld bei mir bleiben, ich tolle und aufregende neue Begegnungen haben werde und ich den Mut niemals verliere. Und ihr, egal ob krank oder gesund, ob langsam oder schnell, ob behindert oder nicht: Genießt euer Leben, kommt zur Ruhe und denkt mal über das nach, was für euch Glück bedeutet und wieviel ihr davon in den letzten Monaten so erleben durftet. Ich bin mir sicher, dass diese Gedanken euch vielleicht sogar ein wenig überraschen werden.

Bleibt glücklich!

 

 

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2 Comments

  1. Marina 17. Dezember 2018 at 12:10

    Lieber Chris, das ist wieder sehr schön geschrieben, viele Empfindungen kommen mir bekannt vor, gerade das Glück dass man mit dem Rollstuhl wieder viel mehr machen kann, als wenn man sich mit laufen quält, das kenne ich auch so ich wünsche dir schöne Weihnachten und wir hören uns danach bestimmt wieder oder lesen uns liebe Grüße von Marina

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  2. Carla 17. Dezember 2018 at 18:33

    Chris, Du bist so ein unglaublich toller Mensch.
    Ja und ich beneide Dich um Deine Zuversicht und Deine Lebenseinstellung.
    Ich verzweifel fast an Bertrams Schlaganfall. Übermorgen kommt er nach über 3,5 Monaten nach Hause. So lange war er in der Uniklinik und Reha.
    Er macht gute Fortschritte, dennoch wird unser Leben nun ein völlig anderes sein und das habe ich noch lange nicht akzeptiert.
    Ich sollte dankbar sein, hätte noch schlimmer kommen können, aber ich bin es nicht.
    Ich platze manchmal vor Wut (nur für mich alleine, natürlich nicht in seiner Gegenwart) und hadere tagtäglich mit dem Schicksal. Das ich mit Bertram ohne Ende mitleide ist ja klar und ich tue alles, dass es ihm besser geht.
    Ich versuche auch nicht, übere das WARUM nachzudenken, klappt aber nicht oft.
    Ich versuche von Dir zu lernen…..
    Alles Liebe zu Dir, roll gut weiter
    Carla

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