Was spür ich denn da?

Ich bin ein gefühlloser Klotz… zumindest höre ich das hin und wieder von Menschen und bis vor einiger Zeit hätte ich das grundsätzlich abgestritten. Inzwischen trifft es aber irgendwie zu, denn ich spüre nicht mehr soviel, habe zum größten Teil keine sensorischen Gefühle mehr. Sei es, dass mir mein Hamster in den Finger beißt, mit den Zähnen tief ins Fleisch geht und auf der anderen Seite wieder heraus kommt (fragt nicht…) oder eine Wespe beim abendlichen Grillen in den Nacken sticht, ohne dass ich es zuerst merke oder dass es brennt. Wenn es mich früher gestört hat, dass Fliegen auf mir landen und nervig herum krabbeln, so kann ich sie inzwischen getrost ignorieren, da ich ihre kleinen Füße nicht mehr wahrnehme. Ein seltsamer Zustand, aber in manchen Fällen nicht der schlechteste.

Aber heute morgen bin ich aufgewacht und Regen hat gegen mein Fenster geklopft. Ich hatte sofort die Erinnerung daran, wie ich vor kurzer Zeit im Urlaub plötzlich im Regen saß. Der Rollstuhl wurde nass, ich ebenfalls und irgendwie sah ich alle um mich herum, wie sie in geduckter Haltung versuchten, einen trockenen Platz zu erreichen. Ich saß da allerdings, blickte hoch in den Himmel und lies die Tropfen auf mein Gesicht prasseln. Ich spürte es. Für einen kurzen Moment waren meine Gefühle wieder da. Das Wasser schaffte es, dass meine Nervenenden feuerten und ich merkte, wie es mein Gesicht berührte, meine Arme. Dieses leichte Kitzeln auf der Haut, so vertraut und doch seit längerer Zeit nicht mehr gespürt. Das war wundervoll. Nicht zu vergleichen mit dem Schmerz, der mir die Dusche bereitet. Eher so ein angenehmes Kribbeln.

Genau diese Momente liebe ich und sie bleiben mir in Erinnerung. Egal, ob es der Moment ist, in dem ich in der prallen Sonne sitzen kann und die Aussicht genieße, weil ich keine Temperaturen fühlen kann und es perfekt dort aushalte oder wenn mir die Natur für kurze Zeit ein Gefühl wiedergibt, das ich schon vermisst habe. Der Regen hat jetzt für mich eine ganz andere Bedeutung. Es ist nicht mehr etwas unangenehmes, sondern ich verbinde ihn mit genau dieser einen Situation. Ich hatte es schon einmal geschrieben: Seit der Diagnose sind es die kleinen Dinge, die mich glücklich machen können. Die Details. Der ganz neue Blick auf Gewohntes und die neuen Erfahrungen, die ich machen darf. Würde ich lieber die ganze Zeit etwas spüren? Natürlich und das wäre einfach nur großartig, doch ist jetzt, in meinem neuen Leben, diese Gefühllosigkeit, die mir ganz neue Erfahrungen und Eindrücke schenkt. Irgendwie macht mich das dankbar.

(Visited 170 times, 1 visits today)

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.