Wasser bis zum Hals

Das Wasser steht mir manchmal bis zum Hals. Sei es, weil ich in den ganzen Amtsgeschäften nicht wirklich gut und geübt bin und plötzlich eine Menge dieser ungeliebten Aufgaben auf mich zukommen, oder weil ich mir Ziele setze, die einfach etwas zu hoch sind. Ich komme ins Schwimmen, habe nicht mehr die Selbstsicherheit, die ich einst hatte und das Selbstvertrauen leidet unter meinen Beschwerden. Alles ist so neu für mich und ich frage mich, wie lange ich mich über Wasser halten kann, bevor ich in all den Aufgaben untergehe.

Zum Beispiel habe ich vor Monaten einen Antrag auf Schwerbehinderung gestellt. Damals waren meine Beschwerden noch nicht so ausgeprägt, wie sie es jetzt sind, aber auf einem Niveau, dass ich definitiv in meinem alltäglichen Leben massiv eingeschränkt war. Es dauerte eine Weile – wenn Ihr schon einmal einen solchen Antrag gestellt habt, werdet Ihr das sicherlich wissen – bis die Amtsschimmel in Bewegung kamen und das Ergebnis war ernüchternd. Vielleicht, weil ich inzwischen kaum mehr laufen konnte, vielleicht weil meine Beschwerden es bis dahin schon fast unmöglich machten, meiner täglichen Arbeit nachzugehen, doch 40% beim Behinderungsgrad waren auf jeden Fall zu niedrig und entsprachen nicht meiner Situation. Ich musste also Widerspruch einlegen. Gerade ich. Es war für mich schon schwer genug, überhaupt den Antrag auszufüllen – irgendwie ist all das nicht Bestandteil meiner Welt und überfordert mich. Nun gab es diese weitere Hürde.

Die Menschen bei der DMSG halfen mir und ich bin so dankbar. Ich kann jedem nur empfehlen, bei der DMSG Mitglied zu werden. Nicht nur, weil meine Selbsthilfegruppe durch diese Organisation ins Leben gerufen wurde, sondern auch, weil dort echte Experten für alle Fragen gibt. Genau einen Monat nach meinem Widerspruch habe ich jetzt einen Termin beim Gesundheitsamt. Dort werden meine Beschwerden nochmals geprüft und schließlich muss ich mein Urteil abwarten: Behindert oder nicht. Ich bin gespannt, ob dort jemand in der Lage ist, meinen Rollstuhl unterm Popo richtig zu identifizieren. In jedem Fall habe ich regelrechte Panik vor diesem Termin… einfach nicht meine Welt.

Ich bin nicht mehr in der Lage zu arbeiten und mein Arzt ist da der selben Meinung wie ich. Ein paar Wochen krankgeschrieben und dann wieder hin. Die Arbeitsunfähigkeit zum Arbeitgeber schicken und zur Krankenkasse, blos keine Fristen verpassen und genau die Regeln befolgen. Wieder ein riesiger Stress für mich und das an einem Zeitpunkt, bei dem jeder Stress sofort zu körperlichen Reaktionen führt. Wieder ein See aus Herausforderungen, dessen Wasser mich immer weiter herunter zieht.

Aber warum schreibe ich das alles? Ich will hier nicht meckern, will nicht klagen, will nicht laut schreien, obwohl ich das manchmal könnte. Ich möchte Mut machen! Ich bin wahrscheinlich die große Ausnahme, weil mir all solche Dinge bereits seit meiner Jugend enorme Schwierigkeiten machen. Und jetzt? Ich schaffe es noch. Ich kann die Regeln befolgen und die Amtsgänge erledigen. Ich hole mir die Hilfe, die ich benötige und lasse mich nicht herunterziehen. Und wenn ich das schaffe, dann werdet Ihr das auch. Vielleicht nicht in den selben Situationen, die ich gerade erlebe, aber dann in anderen. Denn seien wir einmal ehrlich – eine solche Erkrankung führt zwangsläufig dazu, dass man Herausforderungen überwinden muss. Im alltäglichen Leben, bei der Arbeit oder auch dabei, wenn keine Arbeit mehr möglich ist. Jeder Schritt kostet im Moment Kraft – es ist wichtig, dass wir alle unsere Energien gut einteilen, so dass wir den Boden nicht unter den Füßen verlieren. Um Hilfe rufen, wenn wir versinken und dann die helfende Hand annehmen. Für mich ist das ein Lernprozess, doch ich bin mir sicher, dass ich mit meinem Willen zu einem Profi darin werde. Solltet Ihr Hilfe brauchen und nicht wissen, wo Ihr diese bekommt, dann schreibt mir. Vielleicht habe ich einen Ratschlag und dann hat sich mein Blog mehr als gelohnt.

Zum Abschluss noch: Haltet den Kopf immer über Wasser, außer Ihr wollt Fische beobachten!

 

(Visited 173 times, 1 visits today)

3 Comments

  1. Marina 1. September 2018 at 10:23

    Ich finde mich in vielen Beiträgen wieder, bin auch ganz neu und ich bin froh, in diesem Blog lesen zu können, demnächst erzähle ich mal vom meinem Weg zur Diagnose LG

    Reply
    1. Chris 1. September 2018 at 10:25

      Hallo Marina!
      Ich bin sehr gespannt und würde mich freuen, von deiner Geschichte zu lesen!
      Einen wundervollen Wochenendebeginn,
      Chris

      Reply
  2. Marina 1. September 2018 at 13:56

    Hallo,
    Ich habe im vorigen Jahr immer öfter Gleichgewichtsstörungen gehabt, bin gelaufen als hätte ich zuviel getrunken. Langes Laufen hat mich schneller erschöpft, aber das hab ich eher auf Unsportlichkeit und Alter (jetzt 59) geschoben. Im September hatte ich endlich ein Termin bei der Hausärztin. Überweisung zum HNO und Neurologen folgten, dann ein MRT. Mein Hinweis, dass mein Bruder (2 Jahre jünger) seit 29 Jahren MS hat, führten bei der Hausärztin zu dem Satz : Dazu sind Sie zu alt. Inzwischen weiß ich, daß ungefähr 10% der Erkrankten erst ab va 50 aufwärts erkranken, nicht mehr in Schüben, sondern kontinuierlich fortschreitend (PPMS).
    Ich hatte also im Nov und im Feb ein MRT, dann Mitte März die Lumbalpunktion und habe dann im April die Diagnose bekommen, mit der ich dann schon gerechnet habe.
    Dadurch war ich nicht sooo geschockt, habe aber noch zu tun, dass innerlich anzunehmen, zu akzeptieren, dass es so schnell geht, mit dem schlecht Laufen, und dass die Arme nicht richtig wollen, dass ich schon lange krank geschrieben bin, weil ich so nicht arbeiten kann. Aber ich will nicht jammern, andern geht es schlechter und ich werde auch finden, was alles gut ist. Ich habe eine Familie, die mich unterstützt, einen zweijährigen Enkel, der mir viel Freude macht uvam
    Ich berichte gern wieder, wenn noch Fragen sind, jetzt höre ich aber erstmal auf.
    LG Marina

    Reply

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.