Werkzeuge sind ganz wundervoll!

Nein, es geht nicht um meinen letzten Ausflug in einen Handwerkermarkt. Wenn ich mit dem Thema beginnen würde, müsste ich einen ganz eigenen Blog dazu starten. Nein, diesmal möchte ich über andere Werkzeuge sprechen. Werkzeuge, die man als solche vielleicht nicht sofort wahrnimmt und einem doch ganz gewaltig das Leben erleichtern. Es ist ein wenig so, als wolle man einen Nagel krampfhaft mit der Hand in das Holz schlagen. Das tut weh, man flucht, will aufgeben und wenn man es dann geschafft hat, benötigt man einen Notarzt, um nicht zu verbluten. Ähnlich ist es in anderen Bereichen und doch bemerke ich immer wieder (auch bei mir selbst), dass mein Dickschädel keine Werkzeuge möchte. Ich muss das auch alleine schaffen, sage ich mir dann – die Konsequenzen sind zumeist nicht sehr prickelnd.

Ich kann nicht mehr gehen, aber das war nicht immer so. Fröhlich und frei – wie ein Elefant in der Serengeti – sprang ich vor etwas über einem Jahr durch mein Leben. Ich kletterte mit meinem Sohn auf den Gipfel eines gewaltigen Berges, schwamm durch Meere und tanzte durch meinen Alltag. Und bevor mich jemand fragt: Nein, ich spreche nicht in übertriebenen Bildern. Nein, nein. Ich schreibe lieber mal schnell weiter. Es kam nämlich dann so ein Moment in meinem Leben, in dem das Gehen gar nicht mehr klappte und erst nach hohen Kortisongaben wieder funktionierte. Die Zeit, als ich herausfand, dass ich MS habe. Als ich mein Bein wieder bewegen konnte, lief ich den ganzen Tag bis zum späten Abend im Krankenhaus auf und ab. Lernte die Kontrolle über meine Gliedmaßen von Neuem und mit jedem Schritt konnte ich wieder mehr laufen. Ich musste es schaffen. Es war unglaublich anstrengend, aber alles in mir wollte wieder “auf die Beine kommen”. Ich war sehr froh, dass ich mich wieder selbstständig bewegen konnte, doch merke ich sehr bald schon, dass es nicht mehr wie früher war. Ich war sehr unsicher, konnte mich nicht wirklich lange halten und nach einigen Schritten schliff mein Fuß hinter mir her. Meine Physiotherapeutin schlug mir eine Krücke vor und lieh mir eine, bis ich die vom Arzt verschrieben bekommen habe. Tja, jetzt war diese graue Stange mein ständiger Begleiter und ich setze mir selber ein Ultimatum. Bis Weihnachten wollte ich so gut laufen, dass ich das Ding nicht mehr benötige. Vielleicht einen coolen Gehstock, aber keine Unterarmstütze mehr. Bin ja nicht behindert… Weihnachten kam, die Krücke blieb und ich stürzte tief in ein depressives Gefühl. Mir wurde klar, dass ich ohne nicht mehr laufen kann und im Stillen verfluchte ich dieses dämliche Ding.

Einige Zeit später und ich merkte, dass ich auch mit der Krücke nicht mehr gut zu Fuß unterwegs bin. Mein Radius wurde immer kleiner. Größere Strecken gingen nicht mehr und ich entschloss mich schweren Herzens, einen Rollstuhl zu beantragen. Aber nur für die wirklich langen Strecken. Ich will ja nicht an dieses Ding gefesselt sein. Ich bin doch nicht behindert… Jetzt sind wieder Wochen vergangen und ich komme ohne den Rollstuhl nicht mehr vor die Tür. Es geht einfach nicht mehr.

Es hat ein wenig gedauert, bis ich begriffen habe, dass dies keine Behinderungen sind. Dass ich nicht dadurch behindert bin, weil ich eine Krücke habe oder einen Rollstuhl. Ich bin behindert, wenn ich sie nicht habe. Diese Dinge sind mein Hammer, mit dem ich den Nagel ins Brett bekomme, ohne dass ich tiefe Fleischwunden davon trage und ständig fluche. Der Rollstuhl ermöglicht es mir jetzt, dass ich mit meinem Dad und meinem Sohn eine Reise machen konnte. Dass ich mich frei bewegen kann und nicht darauf achten muss, dass ich nach einer kurzen Weile eventuell stürze und mich verletze. Das sind Werkzeuge, Power-Tools… Lebensretter.

Wie ich schon sagte: Leider nutzen viel zu wenig Menschen solche Werkzeuge. Sie glauben, dass sie es besser noch alleine können. Sie tragen keine Hörgeräte, obwohl sie definitiv schlecht hören können. Sie tragen keine Brille, weil sie zu eitel sind. Sie holen sich keinen Rollator, weil man damit so alt aussieht. Es gibt viele Gründe, auf die Werkzeuge zu verzichten – aber keiner davon ist wirklich schlau. Wir alle sind viel behinderter und sehen älter aus, wenn wir darauf verzichten. Ich habe inzwischen gemerkt, dass es mir viel wichtiger ist, ungestört am Leben teilzuhaben, als mich aufgrund eines falschen Stolzes durch selbiges zu quälen. Nutzt mehr Werkzeuge, Leute! Nicht nur zum Aufbauen eines schwedischen Regals – in JEDEM Lebensbereich!

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1 Comment

  1. Antje Dreieicher 1. September 2018 at 11:59

    Hallo,
    ich erkenne in vielen deiner Artikel meinen Mann wieder. Auch er hat sich selbst für den Rollstuhl entschieden, noch bevor der Arzt das wirklich als nötig sah, nur damit er wieder mehr am Leben ausserhalb der Wohnung teilhaben könnte. Inzwischen ist auch er draussen auf den Rollstuhl angewiesen, aber für ihn ist dies ein Stück Freiheit und keine Behinderung. Vielleicht sollten das mehr Leute so sehen. Viele wundern sich auch, dass er so positiv damit umgeht und auch Witze darüber macht.

    Gruss
    Antje

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