Worüber definierst du dich?

Bevor ich im letzten Jahr meine Diagnose bekommen habe, hat mein Körper wahrscheinlich schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ich habe mir die Frage gestellt, mit welcher Art von Behinderung ich leben könnte. Seltsam, oder?!? Nunja, ich habe mir in diesem Moment eigentlich die Frage gestellt, worüber ich mich definiere. Was gehört zu mir, dass meine Identität noch immer die selbe ist und was kann wegfallen? Ich fragte mich, ob ich ohne Arme leben könnte. Ich bin Grafiker, also brauche ich meine Hände. In meiner Freizeit modelliere ich gerne Dinge, bastele ich herum, spiele Instrumente und (natürlich) auch auf der Playstation. Ich kann ohne Arme und Hände nicht leben – das bin nicht mehr ich. Ich fragte mich, ob ich ohne Augenlicht leben könnte. Es gibt soviel schönes im Leben, soviel ästhetisches, das ich gerne betrachte und wieder: Ich bin Grafiker verdammt. OK, aber ohne Gehör ging es doch… und was ist mit der Musik? Ach komm, die Beine brauchst du nicht! Und wie komme ich dann durchs Leben – also jetzt rein physisch gesehen? Ich bin also zu dem Schluss gekommen: Nein, keine Behinderung zu haben ist der einzige Weg, um ich selbst zu bleiben.

Jetzt kann ich kaum meinen Zeichenstift halten, kann kaum meinen Körper von A nach B befördern und immer wieder verschwimmt meine Welt vor meinen Augen, sehe ich Flecken oder alles doppelt. Aber das Hören ist noch da. Es bleibt die Musik. Es ist eigentlich ein seltsamer Wink des Schicksals. Alles, worüber ich mich definiert habe, meine Arbeit, meine Hobbies – eben alles was ich tue und anfasse, hat sich in den letzten 9 Monaten verändert. Und dennoch: Ich bin ich! Vielleicht sieht das mein Umfeld anders, meine Familie, meine Freunde. Vielleicht bin ich in einigen Dingen ungehaltener als vorher, weil ich mich über mich selber ärgere – vielleicht bin ich in anderen Dingen auch ruhiger, weil es der Stress nicht wert ist. Aber ich sehe mich selber immernoch als die gleiche Person, die ich vor einem Jahr war. Meine Hände klappen nicht und es gefährdet meinen beruflichen Werdegang – nun, dann finde ich etwas anderes, mit dem ich mich beschäftigen kann. Vielleicht kann ich mit der mir verbleibenden Kraft ein Ehrenamt ausüben? Vielleicht irgendwo eine Rede halten? Reden kann ich gut. Und wenn ich alles doppelt sehe, so erfreue ich mich daran, dass die Farben so hell leuchten. Ich bin ich und das lasse ich mir nicht nehmen. Die Krankheit kann vieles, aber meine tiefste, innere Identität verändert sie nicht.

Ich hätte dieses Wissen gerne früher in meinem Leben gehabt. Es hätte mir auf meinem Weg sehr viel Stress und Selbstzweifel genommen – schon viel früher, weit vor meiner Krankheit. Denkt selber doch einmal nach, wie ihr euch definiert und ob das wirklich der Kern eurer Person ist! Was macht euch zu euch? Vielleicht überrascht euch die Antwort ja auch ein wenig.

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