Ziemlich hohe Ziele und dennoch werde ich sie erreichen

Ein Leben ohne Ziele ist langweilig, aber es fällt sehr schwer, neue Ziele zu bekommen, wenn man in der Aussicht immer weniger schaffen kann. Zuweilen ist dieser Gedanke ziemlich schrecklich. Darf man als kranker Mensch überhaupt noch Ziele haben? Die Frage klingt bescheuert, ich weiß, aber im Grunde muss ich für alle Ziele doch immer noch eine weitere Person einplanen, die mit mir an der Erfüllung dieser arbeitet. Aber gerade jetzt möchte ich das nicht. Ich möchte alleine etwas schaffen, meine eigenen Grenzen überschreiten und einfach leben. Und genau aus diesem Grund habe ich mir jetzt Ziele gesteckt. Hohe Ziele, die vielleicht für jeden anderen Menschen unspektakulär klingen, für mich aber riesige Herausforderungen darstellen.

Vor ein paar Tagen kam endlich mein Schwerbehindertenausweis an und damit verbunden die Möglichkeit, kostenfrei durch ganz Deutschland zu reisen. OK, nur mit dem Nahverkehr, aber ich habe ja Zeit. Ich bin also auf den Gedanken gekommen, dass ich möglichst oft einfach in einen Zug steigen mag und irgendeine Stadt in Deutschland als Ziel habe. Dort möchte ich einfach ein wenig durch die Straßen fahren, neues entdecken, einen Kaffee trinken und dann wieder zurück nach Hause fahren. Alleine – ohne Hilfe von anderen. Eine Herausforderung nur für mich alleine. Wie weit kommt man an einem Tag? Die Zeit habe ich dazu und wenn das ganze sogar ohne Kosten funktioniert, dann habe ich mein neues Ziel entdeckt. Ich will Deutschland erfahren.

Ich betrachte dieses Vorhaben mit Ehrfurcht. Vielleicht auch ein wenig Angst. Bin ich dazu im Stande? Was ist, wenn ich zu langsam bin, irgendwo die Züge zu wechseln. Es ist ja nicht so, als könnte ich einfach über den Bahnsteig rennen, um eine Verspätung der Bahn auszugleichen. Was ist, wenn mich die Kraft verlässt, während ich durch fremde Straßen kurve? Wie gehe ich mit meinem ständigen Begleiter – dieser Fatigue – um? Aber im Grunde muss ich mir nur immer wieder sagen, dass mich nichts treibt, außer mein eigener Tatendrang. Ich muss nicht zu irgendeiner bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Ich kann im Zug schlafen und wenn ich es nicht mehr zu meiner auserkorenen Stadt schaffe, liegt auf dem Weg bestimmt auch eine interessante Ortschaft.

So langsam wird mir bewusst, dass ich behindert bin. Das Ausmaß meiner Erkrankung zeigt sich immer deutlicher. Heute ist das monatliche Treffen meines Selbsthilferudels. Vor einem Jahr war ich dort zum ersten Mal und seitdem hat sich so viel verändert. Früher wäre es für mich nie ein Problem gewesen, einfach mal durch unser Land zu fahren und dennoch habe ich es nie gemacht. Aus Bequemlichkeit. Weil es andere, vermeintlich wichtigere Dinge im Leben gab. Aber jetzt wird ein solch hohes Ziel zu meiner persönlichen Herausforderung. Ich möchte mich nicht meinen Einschränkungen beugen, sondern erleben, wie schön diese Welt und dieses Leben ist.

Also haltet Ausschau nach mir! Vielleicht rolle ich ja bald schon durch eure Straßen, sitze in euren Cafés und strahle mit der Sonne um die Wette. Wenn ihr mich entdeckt, dann winkt doch mal lieb.

 

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1 Comment

  1. Sonja 6. November 2018 at 11:15

    Das ist doch ein tolles Ziel. Ich wünsche Dir viel Kraft und viele tolle Erfahrungen.

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